Bier, Korn, Schnaps und Wein…

Bekannt sind die Schweden dafür, dass sie sich – sobald sie ihr beschauliches Land verlassen haben – hemmungslos betrinken. Und wie jedes Vorurteil birgt auch dieses Wahrheit in seinem Kern, auch wenn man dies natürlich nicht pauschal über alle Schweden sagen sollte. Nichtsdestotrotz ist es beachtlich, wenn die reisenden Schweden demonstrieren, wie viel Alkohol ein einziger Körper so aufnehmen kann.

Bier - schon gut gekühlt

En öl (Foto: banger1977)

Das Verhalten resultiert wohl nicht zuletzt aus der recht regressiven Alkoholpolitik, welche das Land seit Jahrzehnten geprägt hat. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war die so genannte Nykterhetsrörelse (die Nüchternheitsbewegung) sehr stark im Dreikronenland und konnte ihren Einfluss auf die Sozialdemokratie geltend machen. Die Sozialdemokraten haben wiederum seit den 1930er Jahren bis in die 90er hinein beinahe jede Regierung gestellt. Wichtigste Pfeiler dieser Maßnahmen gegen einen erhöhten Alkoholkonsum der Bevölkerung – welcher die Arbeiterklasse schwächen würde und laut der Anhänger der Nykterhetsbewegung zur allgemeinen Verrohung führt – sind der eingeschränkte Verkauf von Getränken und die hohe Besteuerung selbiger. Bier mit über 3,5% Alkoholgehalt, Wein und Spirituosen gibt es nur in den so genannten System Bolag. Dies sind staatlich betriebene Schnapsbutiken, bei denen stark kontrolliert wird, ob der Einkäufer alt genug ist und welche durch ihre Öffnungszeiten das mehr oder weniger spontane Trinken am Abend oder Wochenende unmöglich machen. Im öffentlichen Nahverkehr in Stockholm und in einigen Parks und öffentlichen Plätzen darf Alkohol nicht verzehrt werden, was auch ausgiebig kontrolliert wird. Eine weitere Maßnahme ist die eingeschränkte Werbemöglichkeit für Spirituosen usw. Diese muss – wie bei Zigaretten in der EU – markiert sein mit Hinweisen, welche Konsequenzen Alkholgenuss haben kann.

Die wirkungsvollste Maßnahme, um den Schweden ihren Aquavit zu versauern, ist allerdings die Preispolitik. Die Abgaben an den Staat liegen weit über den sonst üblichen 25% Mehrwertsteuern, so dass die Getränke zwei bis drei Mal so teuer wie in Deutschland sind. Kommt man zurück aus Schweden, kommen einem die Alkoholpreise hier eh viel zu niedrig vor, da es durchaus möglich ist, für einen Euro eine Flasche schlechten Wein zu kaufen und sich damit komplett zu betrinken. Wein in Schweden gibt’s ab 5 Euro, der dann qualitativ auch hochwertiger sein soll.

Nun sind diese Maßnahmen alle schön und gut und sicher von ihrer Grundidee richtig. Allerdings führen Regeln ja immer dazu, dass versucht wird, sie zu umgehen. Dies ist gerade in Zeiten der verstärkten europäischen Integration in großem Ausmaß der Fall. Früher wurde – primär in den ländlichen Regionen Schwedens – einfach selbst Schnaps gebrannt. Heute ist dies gar nicht mehr nötig, denn nun ist es extrem leicht und günstig, ins europäische Ausland zu fahren (mit Ausnahme von Norwegen, welches noch höhere Alkholpreise hat) und sich dort ordentlich einzudecken. Von Stockholm aus fahren täglich „Kreuzfahrtschiffe“ nach Finnland, Estland, Lettland und Åland (eine kleine autonome Insel zwischen Finnland und Schweden). Diese Ausflüge sind sehr beliebt bei den Schweden und bereits an Bord wird ordentlich gebechert. Auf den Schiffen ist zollfreies Einkaufen möglich, allerdings zu Preisen, die einen Deutschen nicht aus der Reserve locken. Je nach Zielland ist es an Land eh noch wesentlich billiger sich einzudecken. Auf der Fahrt nach Tallin, der estnischen Hauptstadt, sind die Reisenden mit Sackkarren losgezogen und haben teilweise sechs Kartons mit Wodka gekauft (also sechs Mal ungefähr 6-8 Liter). Auch Bier wurde palettenweise eingekauft. Einigen Reisenden war anzumerken, dass sie diese Tour des Öfteren vornehmen, alleine aufgrund ihrer Ortskenntnis. Bei der Fahrt nach Åland ist es sogar noch praktischer, weil man auf der Insel nur für 15 Minuten aussteigen muss, um dann sofort die Heimreise anzutreten. Zeitaufwand vielleicht fünf bis sechs Stunden zu einem Fahrtpreis von 15 Euro.

Dies also Kehrseite der restriktiven Politik. Auch die Politiker sehen mittlerweile ein, dass dieser Trend nicht mehr aufzuhalten ist und überlegen, wie sie das System reformieren können. Da zur Zeit eine bürgerliche Regierung herrscht, wurden zunächst die Absolut Wodka-Werke privatisiert und an ein französisches Unternehmen verkauft. Selbiges soll nach Meinung der bürgerlichen Allianzregierung auch mit den Systembolag-Geschäften passieren. Der freie Markt als Antwort auf dieses Phänomen eine Kapitulation vor den Problemen und meiner Meinung nach höchst zweifelhaft. Wie in Deutschland berichten auch die schwedischen Medien zunehmend von Alkoholexzessen und –eskapaden von immer jüngeren Jugendlichen, aber auch von den Erwachsenen. Ein schwerwiegendes Thema, für welches parteiübergreifend ein Konzept gefunden werden sollte, um Alkoholgenuss/missbrauch weder komplett zu tabuisieren noch ihn per se zu verdammen.

Also überlege jede/r selbst, ob das nächste Öl (Bier) noch notwendig ist.


3 Kommentare zu “Bier, Korn, Schnaps und Wein…”


  1. [...] an den Spielautomaten gedaddelt werden (sehr beliebt, da in Schweden nicht erlaubt). Aufgrund der schwedischen Alkoholpolitik reisen viele Gäste gleich mit Sackkarren an und fahren mit der Fähre direkt zurück nach [...]

  2. [...] hohe Steuer den Sozialstaat zu finanzieren, sondern vor allem den Konsum niedrig zu halten. Klappt nicht so ganz, nichtsdestotrotz ist Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit beispielsweise in Parks und in [...]

  3. [...] ersteht eine winzige Kalorienbombe für die Familie, einen edlen Rotwein fürs Dinner gibt es im Systembolaget, dann fährt er vollbepackt wieder nach Hause, um die 19.30 Uhr Nachrichten nicht zu [...]

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