Maria Sveland – Bitterfotze
Wütender Titel, wütendes Buch. Die Journalistin Maria Sveland schreibt einen Roman über Feminismus und Gleichstellungsprobleme im familien- und kinderfreundlichen Schweden. 2007 erschien “Bitterfittan” bereits in Schweden und verursachte große Diskussionen. Im Frühjahr 2009 kam es auch bei uns heraus und provozierte ganz unterschiedliche Meinungen sowohl im Feuilleton (taz, FAZ) als auch bei amazon. Dabei ist es eines der besten schwedischen Bücher der letzten Jahre.
Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Sara, eine Journalistin um die 30, die mit einem Theaterregisseur verheiratet ist und in Stockholm wohnt. Sigge ist ihr zweijähriger Sohn. Im kalten Januar kommt Sara auf die Idee, dass sie für eine Woche alleine in die Sonne nach Teneriffa verreisen will, um sich zu erholen und Abstand vom frustrierenden Alltag zu gewinnen. Das Buch behandelt die Phase der Reise und wurde von Sveland um zwei Erzählebenen ergänzt. Zum einen berichtet die Protagonistin ausführlich von ihrer Jugend und der gescheiterten Ehe ihrer Eltern. Zudem reflektiert Sara ihre Urlaubslektüre. Mit “Angst vorm Fliegen” von der Amerikanerin Erica Jong hat sie sich einen Klassiker und Bestseller der Frauenliteratur der 70er Jahre ausgesucht.
Die Struktur des Buches ist somit schon gekonnt aufgebaut. Sara vergleicht ihr (Ehe-)leben mit dem ihrer Mutter und zugleich mit dem einer Frau in Zeiten der sexuellen Revolution. Maria Sveland lässt außerdem Autobiographisches in ihren Roman einfließen, ohne dass der Leser genau abschätzen kann, in welchen Fällen dies zutrifft. Die Eckdaten sind gleich: aufgewachsen in der schwedischen Provinz, Beginn des Studiums ist gleichzeitig Flucht nach Stockholm, Journalistin und Akademikerin, geheiratet, erstes Kind ein Sohn. Nach außen hin also Friede, Freude, Eierkuchen.
Doch Sara ist unzufrieden. Die Frauen in Schweden haben auf dem Gebiet der Gleichberechtigung schon einiges erreicht. Aber das reicht ihr nicht. Sie möchte, dass ihr Mann sich mit derselben Hingaben und Aufopferung um ihren Sohn kümmert. Bis zu Sigges Geburt hatte sie das Gefühl in einer gleichberechtigten Beziehung zu leben. Danach schwindet dieses Gefühl mit rasender Geschwindigkeit. Als Regisseur verbringt ihr Mann die ersten 10 Wochen nach der Entbindung im weit entfernten Umeå und ist nur an den Wochenende zu Hause. Beide sind erschöpft und streiten darum, wer nachts aufsteht und Sigge beruhigt. Diese Zeit macht sie wahnsinnig und vor allem bitterfotzig. Plötzlich stellt sie ihr ganzes Leben in Frage. Richtiges Familienglück erleben die drei erst als sie für drei Wochen Urlaub auf Gotland machen.
In einer herrlich bissigen Art beschreibt Sveland, inwiefern Frauen immer noch die Dienerinnen ihrer (Ehe-)Männer sind: Sie müssen den Überblick haben, was eingekauft und gemacht werden muss im Haushalt. Sie merken, dass es sinnlos ist, ihren beschäftigten Mann, dringende Fragen zu stellen, weil er ohnehin nicht reagiert. Männer gehen mit lächerlichen Halbwissen zu einem Unternehmen, weisen sich als Experte auf einem Gebiet aus und werden genau in dieser Position eingestellt: als Experte. Sara macht sich außerdem einen Spaß daraus, Männer zu provozieren. Sie sieht nicht ein, dass Frauen in unserer Gesellschaft nicht einfach so auf einen Mann zugehen können, nur weil sie Sex mit ihm haben wollen. Männer dürfen Frauen für one night stands aufreißen, andersherum ist das unschicklich. Sie schildert außerdem, wie sie mit 14 Jahren Lust empfunden hat, aber ihr damaliger Freund beleidigt war, dass sie die Initiative ergriffen hatte und sie deshalb abwies.
Sveland möchte auch beweisen, dass für manche Frauen nichts so gut tut wie die Scheidung. In ihrem Urlaub beobachtet sie Paare, die sich offensichtlich nichts mehr zu sagen haben. Man ist aus Gewohnheit zusammen. Die Frauen sind so bitterfotzig, dass sie die Kraft zum Kämpfen verloren haben. Wenn die Familie am Pool liegt, albert der Vater eine Weile mit den Kindern rum, wenn er keine Lust mehr hat, ist es aber die Frau, die aufpassen muss, dass ihre Sprösslinge nicht ins tiefe Wasser gehen. Die aufopferungsvolle Mutter wird im Roman vor allem von Saras Mutter symbolisiert. Deren Ehe wird als komplette Katastrophe beschrieben: Vater und Mutter reden nicht miteinander, sondern streiten maximal, wobei die Mutter während des Streits weiter in Ruhe den Abwasch erledigt oder sich sonstige Haushaltstätigkeiten aufbürdet. Der Vater beginnt zu trinken, kommt oftmals betrunken nach Hause und vergewaltigt in einer Szene die Mutter. Das geht jahrelang so, die Scheidung erfolgt erst, nachdem Sara nach Stockholm geflohen ist.
Der Roman ist zuweilen anrührend und soll es auch sein. Es überwiegt aber die kämpferische Haltung und der Witz. Kraft holt sich die Protagonistin immer durch das Zitieren von Passagen aus “Angst vorm Fliegen” (Beispiel: “Das Problem mit der Ehe stammt aus der Zeit, als die Liebe ins Spiel kam, was überhaupt nicht so gedacht war. Daher das Elend”). Sehr gut eingearbeitet sind zudem kleine Anekdoten aus der schwedischen Geschichte oder allgemeine Haltungen des Feminismus’. Vermutlich sind 90% der Leser dieses Romans Frauen und 5% der Männer finden es schlecht und ungerecht. Die restlichen 5% sind laut Sveland “Orangenmänner” (”Männer, die Orangen schälen, sind im öffentlichen Raum ausgesprochen selten. Genau wie Männer mit einer Lunchbox für die Mittagspause selten sind. Ich liebe Männer, die Orangen schälen. Orangenschälen hat etwas Sorgfältiges, es ist Ausdruck für Geduld und Fürsorge. Man zeigt damit Liebe im Kleinen, man gibt, ohne etwas dafür zu bekommen, denn das einzige, was man bekommt, ist Spritzmittel an den Händen. Ein wahrer, prestigeloser Liebesbeweis, der in vielerlei Hinsicht der Männerrolle widerspricht.”)
Ein Buch nur für Frauen ist aber doch auch mal was Schönes.
PS: Ein kleiner Tipp noch von der nordischen Botschaft in Berlin: Am 24. September wird in Göteburg Schwedens größte Buchmesse eröffnet. Und zum 25jährigen Jubiläum gibt es eine besondere Anreisemöglichkeit: den Boktåg (Buchzug). In Stockholm geht es los und für ca. 1500 SEK gibt es Fahrt, Verpflegung, Messeeintritt und Kontakt zu anderen Lesebegeisterten. Der Zug fährt in Stockholm los und endet in Liseberg, von wo aus man zur Messe laufen kann.
