The Cardigans zerbröckeln
Ihnen gehörten die Neunziger. Die zweifelhafte Verfilmung eines Shakespeare-Klassikers machte sie von einem Tag auf den anderen international berühmt und bescherte den Cardigans eine Karriere wie sie nur wenigen anderen schwedischen Bands vergönnt war. Ihr unbeschwertes “Lovefool” passte hervorragend zu der teeniegerechten Verfilmung großer Literatur. Der Mädchenschwarm der 90er Leonardo di Caprio trifft als Rome0 auf seine Julia gespielt von Claire Danes. Lovefool, der er ist, bringt er sich um, obwohl Julia gar nicht gestorben ist, sondern “nur” in einer Art Koma liegt.
Aber im Gegensatz zu Leonardo di Caprio haben sich die Strickjacken schnell weiterentwickelt. Vor allem das 1998 erschienende Album Gran Turismo erfreute viele Musikfreunde und Musikkritiker. 2.5 Millionen Exemplare gingen damals weltweit über den Ladentisch. Darauf zu finden waren zum Beispiel die Singles For what it’s worth, Hanging Around und Erase / Rewind. Die waren längst nicht so poppig wie Lovefool, sondern bewiesen, dass das Quintett Rockmusik machen wollte. Die charismatische Frontfrau Nina Persson gab der Band mit ihrer sanften und zugleich energischen Stimme ein klares Profil. Zumindest in Deutschland erreichten die Cardigans einen ähnlich hohen Bekanntheitsgrad wie die Cranberries oder Skunk Anansie, welche ebenfalls Rockmusik mit weiblicher Stimme boten.
Leider hielt sich der Erfolg nicht so wie es sich die Band vielleicht gewünscht hatte bzw. die Bandmitglieder lebten sich auseinander und verfolgten nach ihrer großen gemeinsamen Tournee zunächst Soloprojekte. 2003 raufte man sich jedoch wieder zusammen und veröffentlichte Long gone before daylight. Dieses wurde von Experten gelobt, konnte kommerziell aber nicht an die vorherigen Erfolge anknüpfen. Gleiches gilt für das 2005 erschienende Album mit dem ironischen Titel Super Extra Gravity. Diese Platte bot unter anderem die Single-Auskopplung mit dem besten Cardigans-Songtitel: I need some fine wine and you need, you need to be nicer. 2006 folgte eine Welttournee, musikalisch gab es seitdem allerdings nichts Neues mehr. Die Stimmung in der Band scheint nicht mehr die beste zu sein. 2008 machte man noch kurz mit einem Best-Of-Album auf sich aufmerksam, welche jedoch keine neue Dynamik in die Bandstrukturen brachte. Auch Konzerte gab es seit 2006 nicht mehr.
Auf der Internetseite der Band können Fans und Interessierte immer noch Fragen stellen, welche Bassist Magnus Sveningsson geduldig beantwortet. Seine Kommmentare vom September 2009 geben wenig Hoffnung darauf, dass sich die fünf Musiker noch einmal zusammenraufen. Sängerin Nina Persson hat Anfang 2009 mit ihrem Soloprojekt A Camp das zweite Album Colonia herausgebracht. Laut Spex ein Flop: “Hier werden Mädchenschwärmereien nacherzählt, von einer mit allen Wassern gewaschenen, sentimental vergnügten Diva.”
Im Oktober 2009 brachten Keyboarder Lars-Olaf Johansson und Schlagzeuger Bengt Lagerberg mit ihrem Projekt “Brothers of End” (merkwürdiger Bandname, wenn man Popmusik machen möchte) ein Album heraus. So sucht sich scheinbar jeder neue Aufgaben und die 1992 in Jönköping gegründete Band steht kurz vor der Auflösung. Als Trost bleibt ihnen die Erinnerung an Top-Chartpositionen (vor allem in Großbritannien), ein Hit mit Tom Jones (Burning down the house), einen Auftritt bei David Letterman und in der 90er-Jahre-Kultserie Beverly Hills 90210. Wieder einmal beachtliche Erfolge für eine Band aus der Musikschmiede Schweden.
