Frauen-Power im Norden
Weit verbreitet ist die Meinung, dass die Gleichberechtigung in Schweden weiter fortgeschritten ist als in vielen anderen Ländern dieser Welt. Und Zahlen aus einem UN-Report über Gleichstellung belegen dies. Der Anteil Frauen bei den Erwerbstätigen liegt bei 51%. Es besuchen beinahe genau so viele Mädchen eine höhere Schule wie Jungen. Und Schweden hat mit einem Frauenanteil von etwa 45% mit die meisten weiblichen Abgeordneten weltweit. (Quelle: Zeit)
In der Tat haben die Schweden neben etlichen anderen Ombudsmännern auch eine Person, die für die Gleichstellung zuständig ist. Zwei Besonderheiten gibt es in diesem Zusammenhang. Die Amtsträgerin oder der Amtsträger setzt sich nicht nur für diskriminierte Frauen, sondern auch für die diskriminierten Männer ein. Außerdem sind etliche Gleichstellungsbeauftragte in Schweden männlich – ein Umstand, der mir hierzulande noch nicht begegnet ist.
Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass es gesellschaftlicher Konsens ist, dass Frauen und Männer dieselben Rechte und Pflichten haben sollen. Auch viele Männer vertreten diese Meinung (häufig ja auch von Feministinnen der ersten Stunde aufgezogen). Die Meinung, dass Frauen mit den 3 Ks: Kirche, Küche, Kinder ein glückliches Leben führen können, kommt maximal bei der Partei der Kristdemokraten vor, welche bei Wahlen nur etwa 5% der Stimmen erhält. Nein, Frauen in Schweden steht das Berufsleben offen. Für Kinder ab einem Jahr gibt es umfangreiche Betreuungsangebote und viel mehr schwedische Männer sind pappaledig, also in Elternzeit, als dies in Deutschland der Fall ist (wo die Möglichkeit der gesplitteten Elternzeit erst viel später eingeführt worden ist). Für viele Schweden scheint es regelrecht cool zu sein, mit dem Kinderwagen durch die Stadt zu ziehen. Zum Thema Kinder jedoch an anderer Stelle mehr.
Dass auch in Schweden noch nicht alles rosig ist, zeigt z.B. die Tatsache, dass es bisher keine Ministerpräsidentin gab (Respekt für Frau Merkel, die diesen historischen Schritt geschafft hat). Allerdings ist Margot Wallström in der EU-Kommission in einflussreicher Position, nämlich Vize-Kommissionspräsidentin. Mona Sahlin ist derzeitige Parteivorsitzende der Sozialdemokraten und könnte somit die kommende Ministerpräsidentin werden. Hoher Beliebtheit erfreute sich auch Anna Lindh, der hohe Posten zugetraut worden waren, ehe sie 2003 von einem Attentäter in einem schwedischen Kaufhaus erstochen worden ist.
Aus ihrer Unzufriedenheit mit der Gleichstellung in Schweden resultiert die Gründung der Frauenpartei, genauer gesagt der Feministischen Initiative. Gudrun Schyman und ihre Mitstreiterinnen traten 2006 bei den Reichstagswahlen an, konnten mit 0,7% aber bei weitem nicht das erhoffte Ergebnis erzielen. Interne Streitigkeiten und ein unklares Wahlprogramm verhinderten die Setzung eines deutlichen Zeichens in Richtung der etablierten Parteien. Die neue konservativ-liberale Regierung hat auch nur noch 9 der 20 Ministerposten mit Frauen besetzt. Von den insgesamt 12 Ministerien (welche z.T. zwei Minister beherbergen) werden nur vier von Frauen geleitet – ein deutlicher Rückschritt im Vergleich zu den Vorgängerregierungen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Wirtschaft. Etwa zehn Prozent der Vorstände sind Frauen und somit der Großteil der einkommensstarken Posten in den Händen der männlichen Bevölkerung. Wie in Deutschland auch ist der Anteil Frauen gerade in den schlecht bezahlten sozialen Berufen sehr hoch. Damit rücken Frauen auch hier oft in die Rolle der Zweitverdienerin innerhalb der Familie. Schwedische Männer beteiligen sich laut Umfragen mehr an der Hausarbeit als in anderen Ländern. Dass die Arbeit aber zu gleichen Teilen verteilt wird, ist auch hier die große Ausnahme.
Es lässt sich somit festhalten, dass die Rhetorik und das Denken in Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau schon wesentlich fortgeschrittener sind als beispielsweise in Deutschland. Die praktische Umsetzung wird aber auch hier vermutlich noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Abzuwarten bleibt außerdem wie sich der zunehmende Abbau des Wohlfahrtstaates in Schweden auf das Rollenverständnis auswirkt.
10. September 2009 um 11:50
[...] Sara ist unzufrieden. Die Frauen in Schweden haben auf dem Gebiet der Gleichberechtigung schon einiges erreicht. Aber das reicht ihr nicht. Sie möchte, dass ihr Mann sich mit derselben Hingaben und Aufopferung [...]