Gelbblaue Elche
“Ach, du warst in Schweden. Da hast du ja sicher einen Elch gesehen!”
Spätestens seitdem ein deutsches Paradeprodukt, die Mercedes A-Klasse, den Kampf gegen einen gehörnten Vierbeiner verloren hat, ist das Klischee Schweden = Elche nicht mehr zu entkräften. Es hat sich in den Köpfen der Deutschen festgesetzt, dass im Land der unberührten Seen und Landschaften ganze Rudel Elche verkehren, die sich gerne von den ausländischen Touristen begutachten, wenn nicht berühren lassen. Klar, was sollte ein Wildtier sonst für einen Sinn in seinem Leben sehen? Die Elche haben sich Schweden ja zudem auch nur als Heimat ausgesucht, da in das beschauliche Land zu Sommerzeiten Tausende von deutschen, dänischen und finnischen Touristen reisen und die oberste Lebensaufgabe eines Elches quasi lautet, sich wenigstens einmal ordentlich von einem Menschen beglotzen oder begrabbeln zu lassen.
Fairerweise muss man zugeben, dass die hohe Elchpopulation nicht nur ein Hirngespinst unsererseits ist, sondern von den Schweden auch ausgiebig fokussiert und ausgeschlachtet wird. Das arme gehörnte Tier ziert nämlich sowohl Kochlappen, T-Shirts und Lollys und wird dabei wahlweise idiotisch grinsend, auf zwei Beinen stehend oder gemütlich und träge abgebildet. Kurz gesagt: Der Kommerz beherrscht das Schwedenland. Lange bevor die Deutschen das Potential von Knuddelknut und Co entdeckten, haben die Schweden ein beliebtes Tier zum Nationalsymbol erkoren und marketingtechnisch ausgereizt. Man kommt mittlerweile ja schon ins Grübeln, ob dieses Tier überhaupt noch in anderen Ländern zu Hause ist. Ein klares Ja! ist hier die Antwort. Fakt ist zwar, dass mit etwa 300 bis 400.000 gehörten Vierbeinern sehr viele in Schweden zu Hause sind, allerdings sind sie auch in vielen anderen Regionen verbreitet: in den übrigen skandinavischen Ländern, Teilen Osteuropas, Nordasiens und Nordamerika.
Und warum diese Wildtiere in Deutschland so populär sind, verstehe wer will. Im Gegensatz zu Knut bilden sie absolut kein ästhetisches Vergnügen. Sie sind groß, knochig, wirken träge und haben einen hässlichen Kopf. Damit entsprechen sie keinem westlichen Kindchenschema. Zudem sind sie äußerst scheu und werden meist nur in der Dämmerung gesehen. Ihr Temperament wird häufig stark unterschätzt und die Tiere als harmlos abgestempelt. Nun stelle man sich aber die Situation vor, wie man gemütlich in seiner A-Klasse sitzt und aus dem schwedischen Nebelfeldern auf der Straße plötzlich ein 1,80 Meter großes Tier zu Gesicht bekommt, welches keine Anzeichen macht, sich in den nächsten 30 Minuten bewegen zu wollen. Ein gewisser Grad an Panik ist hier angebracht. Aus diesem Grunde gehen die Schweden weitaus entspannter mit ihrem Nationalsymbol um und haben es auch gerne mal auf ihrem Teller liegen. Das könnte uns mit unserem Knut nicht passieren. Wir erschießen lieber einen der mühsam angesiedelten Bären in unserem Land, weil er ein paar Schafe gerissen hat und nennen ihn Problembär.
Über derlei kindisches Verhalten können die naturverbundenen Schweden sicher nur müde lachen.