Nordischer Nachbar Grönland

Siedlung in Grönland (Foto: Rita Willaert)

Siedlung in Grönland (Foto: Rita Willaert)

Hoch im Norden unserer Erde liegt ein Gebiet, das in der Berichterstattung häufig vernachlässigt wird. Und wenn in den Medien etwas über Grönland zu lesen ist, so höchstwahrscheinlich in Zusammenhang mit einer wagemutigen Person, die die riesige Inseln zu überqueren trachtet oder beim Versuch gestorben ist. Aus deutscher Sicht spielt Grönland politisch keine Rolle. Die Aufmerksamkeit hierzulande ist verschwindend gering. Etwas anders ist die Lage in Schweden. Grönland ist als autonome Region des Königreichs Dänemark Mitglied im Nordischen Rat. Zwar sind nur zwei der knapp 100 Mitglieder des Nordischen Rats aus Grönland, aber seine Stimme findet dort mehr Gehör als sonstwo auf der Welt. Für die Länder Nordeuropas ist der Nordische Rat eine wichtige Versammlung, in die Vertreter der nationalen Parlamente entsandt werden. Zwar hat der Status des Rates durch die zunehmende Bedeutung der Europäischen Union vermutlich etwas nachgelassen, trotzdem sollte die gemeinsame Identifikation als “nordisch” nicht unterschätzt werden. Vielen Skandinaviern ist der zwischenstaatliche Austausch sicher lieber als die Abgabe von staatlichen Kompetenzen an eine geographisch und mental weit entfernte Europäische Union.

Grönland ist gerade kein Mitglied der Europäischen Union. De facto ist es der erste Staat, der aus der Europäischen Union ausgetreten ist. Zwar stimmte eine Mehrheit der Grönländer bereits 1972 gegen den Beitritt Dänemarks zur EU, sie wurden jedoch überstimmt. 10 Jahre später hatten die Grönländer eine Teilautonomie und votierten erneut gegen eine EU-Mitgliedschaft. Zum 1. Februar 1985 wurde der Austritt der autonomen Region amtlich. Ein bisher einmaliger Schritt in der Geschichte der Europäischen Union.

Die Geschichte der riesigen Insel im Nordatlantik verlief spannend. Geographisch gesehen gehört das Eiland zu Nordamerika. Im Mittelalter waren es jedoch norwegische Wikinger, die die Insel 875 entdeckten. Im 10. Jahrhundert siedelten die ersten Norweger auf dem Territorium, darunter Erik der Rote. Ab dem 14. Jahrhundert sahen die Norweger es als ihr Territorium an. Zwischen 1380 und 1814 gab es einen Staatenverbund zwischen Dänemark und Norwegen. 1721 heimste sich Dänemark die Arktikinsel als Kolonie ein. Nach Auflösung des Staatenbundes fielen sowohl Grönland als auch die Färöer-Inseln an das Königreich Dänemark.

Die Bestrebungen nach Unabhängigkeit währen natürlich schon eine Weile. Seit 1953 ist Grönland offiziell keine Kolonie mehr von Dänemark. Ab 1979 genehmigte die dänische Regierung schrittweise mehr Befugnisse für die etwa 57.000 Grönländer. Im Sommer 2009 erfolgte ein weiterer Meilenstein in der Unabhängigkeitsbestrebung. Dänemark ist jetzt nur noch für die Außen- und Verteidigungspolitik der zu 84% aus Eis bestehenden Insel zuständig. Ihre Rohstoffe (Öl, Gas, Gold, Diamanten) dürfen die Grönländer nun selbst verwalten. Außerdem wird Grönländisch offizielle Sprache des Landes. Bei einem Verhältnis von 50.000 Inuit zu 7.000 Dänen ein überfälliger Schritt. Eine Volksabstimmung im November letzten Jahres kam zu dem Ergebnis, dass sich 75% der Grönländer mehr Autonomie oder sogar die Eigenständigkeit wünschen. Letzteres könnten sie zum 300. Jahrestag der dänischen Kolonisation im Jahr 2021 erlangen.

Grönländischer Junge (Foto: Rita Waellert)

Grönländischer Junge (Foto: Rita Waellert)

Das Problem der Grönländer ist, dass sie relativ arm sind. Bisher bekamen die wenigen Einwohner eine Summe von ca. 430 Millionen Euro jährlich als Subvention. Außerdem grassiert eine hohe Arbeitslosenquote und der Alkoholismus. An die Rohstoffe ist in einem Land, das zu großen Teilen aus Eis besteht, natürlich nur schwer heranzukommen. Durch die internationale Finanzkrise scheuen viele Geldgeber vor Investitionen zum Rohstoffabbau zurück. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass sich in der Hauptstadt Nuuk nicht viele gute Führungspersönlichkeiten tummeln. Innerhalb des Parlaments und der Regierung kommt es regelmäßig zu Hauen und Stechen und Fehleinschätzungen der gesellschaftlichen Lage.

Das Streben nach Unabhängigkeit ging vor allem von den älteren Grönländern aus. Die Jüngeren sehen auch Vorteile in einer engen Kooperation mit Dänemark. Es bleibt somit abzuwarten, ob der letzte Schritt für ein eigenständiges Grönland in den nächsten Jahrzehnten vollzogen wird.

Weitere Informationen zu Grönland bei Spiegel-Online.


Deine Meinung dazu?