Häuser von der Stange

Der schwedische Vorzeigekonzern IKEA hat in Deutschland ein neues Standbein: Nachdem alle Studenten-WGs bereits mit Billy, Lack und formschönen Ballonlampen ausgestattet sind, wird jetzt nachgerüstet. Die Studenten beenden dann ja doch mehr oder weniger schnell ihr Studium, quälen sich zwei Jahre durch Praktika und Arbeitslosigkeit und bekommen irgendwann eine Stelle. Im Alter von 30 denken einige langsam an Familie, die bis zum Lebensalter von 35 realisiert wird. Anschließend ist Mietwohnung doch nicht mehr das Praktischste und der Wunsch nach den eigenen vier Wänden entsteht. Just da will IKEA wieder einsetzen. Statt buntem Mobilar sollen den Kunden nun auch noch die notwendigen Wände geliefert werden.  Inklusive Dach versteht sich.

BoKlok (Wohne klug) heißt das neue Produkt der IKEA-Familie. Geboten werden Reihenhäuser und Eigentumswohnungen zu angeblich erschwinglichen Preisen. Alles schön gleichmäßig aufgebaut, damit der Nachbar nicht neidisch wird. Ganz neu ist das Konzept nicht: In Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark und Großbritannien gibt es bereits 4000 Wohnungen und Häuser. In Schweden wurde das Konzept Mitte der 90er Jahre entwickelt. 2010 soll nun der deutsche Markt erschlossen werden. Gestartet wird in den Städten Offenbach, Nürnberg, Wiesbaden und Hofheim. Dort entstehen Wohneinheiten mit Zwei- bis Vierzimmerwohnungen, gebaut im “skandinavischen Stil” und in einer “umweltschonenden Holzrahmbauweise”. Preislich beginnt es bei 99.500 Euro für eine Wohnung. Ein Reihenhaus steht für 175.000 Euro inklusive Grundstück im Angebot.

Scheinbar rechnet IKEA mit einem Riesenansturm auf die billigen Wohnstätten. Um eine Wohnung muss man sich bewerben und kann dann froh sein, in die nähere Auswahl zu kommen, um eine Reservierung vornehmen zu können.  Ab März kann man sich ein Musterhaus ansehen, die Häuser werden dann bis zum Winter 2010 hochgezogen (im wahrsten Sinne des Wortes vermutlich).  Nun leben wir im Zeitalter des Individualismus. Nicht jedem ist es behaglich, sich ein Heim von der Stange liefern zu lassen. Zwar bestechen (vor allem in Deutschland) die wenigsten Neubauten durch architektonische Finesse, aber ein gewisses Maß an Eigenartigkeit lässt sich nicht verhehlen. Das war jedoch noch nie IKEAs Wunschvorstellung. Alle sind gleich, alles ist gleich, war oder ist ein typisch schwedisches Motto. Die Einbauküche in Schweden seit den 1930ern ein Ideal und in den 1950ern in beinahe jeder schwedischen Wohnung anzutreffen. Die klischeehaften roten Holzhäuser weisen in dieselbe Richtung.

Glücklicherweise gibt es in Deutschland beim Bau von Gebäuden noch das Mitspracherecht der ortsansässigen Volksvertretungen. Die zeichnen sich nicht immer durch den Willen zu Transparenz und demokratischen Entscheidungen aus. Aber es ist der Raum, in dem Bürger sich beteiligen können. Im hessischen Hofheim ergriffen einige Abgeordnete die Initiative und kritisierten die geplanten IKEA-Häusle. In einem taz-Interview vergleicht ein CDU-Politiker die Reihenhäuser aufgrund ihrer Flachdächer mit einem Hasenstall. Dort soll jetzt erst wieder abgestimmt werden, ob die Häuser in der jetzigen Form in das Stadtbild passen. Warten wir mal ab, was die Verhandlungen ergeben. Es sollte ansonsten ein Leichtes für IKEA sein, sich an anderen Standorten anzusiedeln. Geld stinkt schließlich nicht…


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