Der schwedische Guido Knopp: Herman Lindqvist
Seit mehreren Jahren werden in Deutschland die umstrittenen Fernsehgebühren verschleudert, um eine History-Show nach der nächsten zu produzieren. Es fing harmlos an mit Dokumentationen über die jüngste deutsche Vergangenheit und endete in absurden pseudowissenschaftlichen Shows à la “Hitlers Schäferhunde”. Völlig sinnfrei dabei auch der Trend, historische Szenen nachzuspielen. Das sieht dann aus wie in jedem gewöhnlichen Hollywoodfilm, in dem mit Computeranimationen versucht wird, Authentizität zu schaffen (man bemerke die Widersprüchlichkeit). In Deutschland steht ein Mann als Synonym für populärwissenschaftliche Geschichtsdokumentationen: Guido Knopp. Er hat geschafft, was nur wenigen Fernsehwissenschaftlern gelingt: Er ist vielen Deutschen bekannt. Die Kehrseite der Medaille ist, dass er in den Feuilletons und der öffentlichen Diskussion oft als der Buhmann schlechthin dargestellt wird, weil er vereinfacht und/oder verkürzt oder gar falsch darstellt.
Mittlerweile hat Knopp sicher so viel Geld verdient, dass ihm die gelegentlichen Sticheleien der Schönschreiberlinge sicher nicht mehr stören. Und er steht nicht alleine da. Auch in Schweden gibt es einen Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Geschichte seines und anderer Länder zu erkunden und einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. Sicherlich kein schlechter Gedanke, den Herman Lindqvist da hatte. Und in Schweden ist er ebenso bekannt wie Guido Knopp hierzulande.
Herman Lindqvist ist 1943 geboren und interessiert sich wie so viele in die Jahre kommende Männer stark für Geschichte. In jungen Jahren arbeitete er zunächst als Redakteur im Aftonbladet, ging dann als Korrespondent nach Beirut, Hongkong, Prag und Paris. Frankreich ist er bis heute treu geblieben. Bücher hat er seit den 80er Jahren regelmäßig geschrieben. Zunächst über Land und Leute in seinen jeweiligen Gastländern. In den 90er Jahren begann seine TV-Serie Historien om Sverige (Die Geschichte Schwedens), welche später auch als Buch erschien und in Schweden sehr erfolgreich ist.
Eines dieser dicken Bücher führe ich mir gerade zu Gemüte: Drömmar och verlighet (Träume und Wirklichkeit) über den Anfang des 20. Jahrhunderts. Relativ schnell merkt man, dass Herr Lindqvist eine gewisse Faszination für alles Royale nicht verhehlen kann. Ein Blick auf seine Buchpublikationen bestätigt diesen Drang, große historische Persönlichkeiten noch größer machen zu wollen, sei es nun Carl Gustaf, Napoleon, Madame Pompadour oder 2009 erschienen Königin Victoria.
Da es sich um ein populärwissenschaftliches Buch handelt, lässt es sich gut lesen. Die schwedische Geschichte wird weitestgehend chronologisch und ohne überflüssige Abschweifungen erzählt. Und neue Erkenntnisse gewinnt man eine ganze Menge. So hatte ich noch nicht davon gehört, dass Deutschland 1918 kurzzeitig Helsinki besetzt hat. Und es war kurzzeitig im Gespräch, in Finnland die Monarchie einzuführen. Sowieso war der Finnland-Krieg 1918-1920 für Schweden wichtig. Auch im braven Schweden keimte die Idee des Sozialismus auf. Laut Lindqvist war Schweden nie so nah an einer Revolution wie in diesen Zeiten. Der Unmut in der Arbeiterschaft war genauso groß wie in anderen europäischen Ländern. Zu einer Revolution ist es jedoch nicht gekommen, dafür begann die Hochzeit der Sozialdemokratie.
Wie heute lebte auch 1918 eine Deutsche im schwedischen Königshaus. Victoria von Baden war von 1907 bis 1930 schwedische Königin und Nichte vom deutschen Kaiser Wilhelm. Verheiratet war sie mit Gustaf V. Nicht ganz ohne Berechnung des schwedischen Schwiegervaters, der eine stärkere Kooperation mit dem mächtigen Deutschland wollte. Victoria war Zeit ihres Lebens kränklich und streng konservativ. Wer sich mehr für ihr Leben interessiert, findet bei Wikipedia Schweden einen ausführlichen Artikel über die Königin.
1918 war in Deutschland zum Glück Schluss mit den Königen. Auch die engsten Vertrauten der Adeligen mussten sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Kriegstreiber General Ludendorff setzte sich nach der Novemberrevolution zwischenzeitlich nach Schweden ab. Hier wohnte er auf einem Hof in Hässleholm in Skåne und schrieb im Eiltempo seine Memoiren. Wenige Zeit später wurde er angeblich von der schwedischen Regierung des Landes verwiesen. Schon kurze Zeit später versuchte er gemeinsam mit Hilter, die Reichsregierung zu stürzen…
Da wir in Deutschland im Geschichtsunterricht so viel Zeit mit Kriegen verbringen müssen, werden soziale Vorkommnisse der Zeit öfter Mal vernachlässigt. Bisher völlig an mir vorbeigegangen ist die so genannte Spanische Krankheit der Zeit um 1918. Diese soll ca. 20 Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet haben. In Schweden waren es immerhin 27000 Tote. Scheinbar war die Ursache eine Art Schweinegrippe, welche zu Lungenentzündung führte und vermutlich von amerikanischen Soldaten nach Europa gebracht worden ist.
Interessant ist das Buch auf jeden Fall. Für den Hausgebrauch reichen die historischen Fakten vermutlich auch aus. Wer sich differenzierter mit der Materie auseinander setzen möchte, kann sich ja immer noch ein Werk eines echten Historikers zu Gemüte führen.

3. Mai 2010 um 22:50
Kleine Anmerkung: Guido Knoop heißt eigentlich Guido Knopp.
4. Mai 2010 um 20:08
Danke für den Hinweis, werde ich dann schnell mal ändern.