IKEA – schwedisches Wahrzeichen?
Es ist doch immer das gleiche. Fragt man eine Person nach einem Werkzeug, nennt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Hammer. Typisch britisch? Schlechtes Wetter. Und was verbindest du mit Schweden? Elche und/oder IKEA. Im Falle der Wildtiere muss man wohl mittlerweile von einer gelungenen PR-Strategie der schwedischen Touristikzentralen ausgehen. Möglicherweise ist diese auch speziell auf deutsche Touristen ausgelegt, da wir bekanntlich in deutschen Wäldern nicht über Elche verfügen und die Tiere bei uns – aus welchen Gründen auch immer – als niedliche Repräsentanten einer scheuen Säugetierart gelten. Dass uns aber nun gerade ein Möbelgeschäft einfällt, wenn wir an Schweden denken, ist wirklich beachtlich. Ein großer Erfolg für die Marketingexperten IKEAs, der dem Konzern vermutlich in den nächsten Jahrzehnten kräftige Umsätze bringen wird. Die Sache hat nur einen Haken: IKEA ist nicht mehr schwedisch.
Wie man sich denken kann, ist IKEA nur eine Abkürzung. Sie beinhaltet die Initialen ihres Gründers Ingvar Kamprad. Hinzu kommen die Abkürzungen für seine Adresse: der Hof Elmtaryd und der Ort Agunnaryds Socken. Kamprad, geboren 1926, meldete bereits 1943 den Warennamen an und wurde vom Kleinwarenhändler zum viert reichsten Mann der Welt (Stand: 2008). IKEA hat heute 292 Filialen in 36 Ländern und ist DAS Synonym für preiswerte Möbel.
Wie kein anderes Großunternehmen betont IKEA seine nationale Herkunft. Im großen Stil macht sich das Unternehmen so die Klischees über sein Herkunftsland zu nutze: Die typisch schwedische Freundlichkeit führt zum Konsum der Kunden. Die Konzernfarben in blau-gelb, schwedische Speisen und Getränke im Restaurant (das immer voll ist) und am Ausgang. Außerdem der fast schon zum Mythos gewordene günstige Hotdog am Ausgang. Psychologisch durchdacht natürlich: Dadurch, dass der Kunden meint, für wenig Geld einen leckeren Hotdog bekommen zu haben, geht er mit einem gutem Gefühl aus dem Laden und freut sich auf seinen nächsten Besuch. Die Kinderfreundlichkeit fällt in einem Land wie Deutschland natürlich sofort auf. Auch das Duzen in der Werbung und im Geschäft ist für nichtschwedische Ohren ungewohnt, kommt bei der eher jüngeren Zielgruppe aber besonders gut an (Wobei auffälligerweise das Personal seine Kunden nicht duzt – hier scheint die Maxime zu sein, den Kunden mit „Respekt“ entgegen zu treten).
Bei all der Schwedentümmelei ist es um so erstaunlicher, dass der Konzern gar nicht mehr schwedisch ist. Seine Heimat schien Kamprad zu sehr Wohlfahrtsstaat zu sein. Schon 1982 entschied er sich, seinen Konzern in mehrere Unternehmen aufzuteilen, welche im Besitz einer Stiftung sein sollten. Als Sitz der Stiftung entschied er sich für die Niederlande, einem Land, welches bekannt für niedrige Steuern ist. Kamprad selbst zog gemeinsam mit seiner Familie in das Steuerparadies Schweiz. Seit Jahrzehnten nutzt IKEA somit das positive Image Schwedens, macht Milliarden Umsätze, ohne auch nur eine einzige Krone an Steuern zu zahlen. Das gehört dann wohl nicht mehr in die Kategorie typisch schwedische Freundlichkeit…
Glücklicherweise haben die öffentlichkeitswirksame Festnahme des Postchefs Zumwinkel und die Wirtschaftskrise in Deutschland dazu geführt, dass die Regierung sich nun intensiver dem Kampf gegen Steuerbetrug und Steuerparadiese widmet. Die EU hat ebenfalls Maßnahmen ergriffen, um die Transparenz internationaler Transaktionen zu erhöhen. In der Gesetzgebung gibt es allerdings noch viele Schlupflöcher und Mitgliedstaaten, die wirtschaftlich von ihren eigenen niedrigen Steuern profitieren – wie Österreich, Luxemburg und Belgien – behindern weiter gehende Schritte.
Kamprad ist bei weitem nicht der einzige, der sein Geld lieber hortet als es dem Solidarsystem zukommen zu lassen. Gleichzeitig aber so stark das positive Images Schwedens auszunutzen, ist schon eine besondere Form der Dreistigkeit.

18. April 2009 um 22:04
Zumwinkel lebt(e) in Deutschland und hat sein Geld dort heimlich am Fiskus vorbeigeschafft. Kamprad hingegen hat vollkommen legal sein Unternehmen in die Niederlande verlagert und wohnt auch wirklich in der Schweiz. Das mag man despektierlich finden (tue ich irgendwo auch), aber Zumwinkel ist ein Verbrecher, Kamprad nicht.
Was du Kamprad da vorwirfst, stimmt so auch nicht. Sicherlich wird ein Teil des erwirtschafteten Geldes dem schwedischen Staat nicht zukommen. Jedoch sind viele Bereiche seines Firmenimperiums in Schweden angesiedelt, was sicher kein Zufall ist. So sitzt die “IKEA of Sweden Aktiebolag”, die Entwicklungsabteilung des gesamten Konzerns, nach wie vor in Älmhult und wird da auch Steuern zahlen. Auch die Ikanobanken sitzt in Älmhult, und die Ikano Försäkring sitzt in Lund.
Man kann Kamprad also bestenfalls vorwerfen, dass er für sich selbst die steuerlich billigste Lösung gewählt hat – was wegen seiner småländischen Herkunft auch sehr gut in das Klischee des sparsamen Småländers passt. Eine Globalisierungsheuschrecke ist er aber nicht, denn sonst säße die Entwicklungsabteilung von IKEA längst in Indien oder China. Seine Firma ist durchaus in Schweden aktiv und das Image des ganzen Konzerns somit auch nicht ganz unberechtigt.
19. April 2009 um 16:28
Selbstverständlich, Kamprad hat mit seinem Umzug in die Schweiz einen legalen Schritt getan. Diesen allerdings bei einem Vermögen von circa 20 Milliarden US-Dollar zu rechtfertigen mit seiner typisch småländischen Knauserigkeit, finde ich problematisch.
Dass die Entwicklungsabteilung IKEAs noch in Schweden ist, sehe ich auch eher als Marketingmaßnahme. Schließlich wird in den Läden immer geworben mit den Designern eines bestimmten Produktes. Wenn da dann ein Chinese steht und nicht Inga Lundström, hat das schlichtweg eine andere Wirkung.
Die Produktion findet hingegen zum Teil in China statt. Glücklicherweise achtet die Konzernführung mittlerweile mehr auf soziale Standards bei der Produktion, nachdem IKEA in den 90er Jahre u.a. vorgeworfen worden ist, dass Teppiche von Kindern hergestellt wurden.
Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist einfach, dass IKEA im Gegensatz zu Volvo, Ericsson oder H&M so sehr auf der schwedischen Herkunft rumreitet und damit Geld macht, welches dem Land so gut wie gar nicht zu gute kommt.
20. April 2009 um 15:39
Rechtfertigen will ich ihn auch nicht – nur sollte man ihn nicht in eine Reihe mit einem Verbrecher stellen, denn Zumwinkel gab nach außen den Vorzeigeunternehmer und verschob hintenrum sein Geld nach Liechtenstein.
Ich finde auch, dass jemand wie Kamprad sehr gut seine Steuern in Schweden zahlen könnte, zumal ihm bei den heutigen Steuergesetzen wohl ca. 40% seines Einkommens blieben, was ja gerade so zum Leben reichen dürfte.
Auch wenn dies kein Trost sein mag, muss man auch sagen, dass ihn keiner zwingen kann, in Schweden zu leben. Es ist ja nicht so, dass er wie einst einige Fernsehmoderatoren zum Grenzpendler geworden ist, um Steuern zu sparen – die also de facto in Deutschland arbeiteten und einkauften, aber ihr Häuschen zum Steuersparen jenseits der Grenze hatten.
Kamprad hingen ist in den 1970er Jahren in die Schweiz gezogen. Die Schweiz ist ja nicht gerade um die Ecke, und war vor 30 Jahren, als es noch kein Internet und kein Satellitenfernsehen gab, gefühlt noch viel weiter weg.
Natürlich kann man nur spekulieren, aber wenn es nur um die Steuern geht, dann ist sein Wohnort Epalinges kein Knüller. Ich habe mal zum Test den Steuerrechner auf comparis.ch mit absurd hohen Einkommenswerten gefüttert. Da bezahlte man ca. 45 % Steuern. Es gibt selbst im gleichen Kanton noch billigere Ecken, und in der ganzen Schweiz sogar noch viel billigere (in Zug zahlt man nichtmal 25%).
Dass IKEA noch Standorte in Schweden hat, würde ich nicht nur als eine Marketingmaßnahme betrachten. Nur ein Teil der Firmenzentrale ist in den Niederlanden. Der andere Teil ist in Helsingborg. IKEA of Sweden machte im Geschäftsjahr rund 232 Millionen Euro Umsatz. Swedwood, der zu IKEA gehörige Produzent der Möbel mit Sitz in Ängelholm, machte rund 177 Millionen Euro Umsatz.
Das sind keine Peanuts, insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Löwenanteil des Geschäfts naturgemäß ohnehin in den Möbelmärkten selbst umgesetzt wird. Sicherlich entgeht dem schwedischen Fiskus einiges, aber es ist nicht so, dass IKEA nur noch Alibifirmen in Schweden unterhalten würde.
Dass die Produktion in China stattfindet, ist ohnehin unvermeidlich, denn wenn alles aus Schweden stammen würde, wäre Kamprad heute ein pensionierter mittelständischer Möbelfabrikant mit zwei oder drei Möbelmärkten in Småland.
Für IKEA ist es integraler Bestandteil des Konzepts, sich als schwedisch zu präsentieren.
Volvo wird auch als schwedisch wahrgenommen, ist aber keine internationale Kette, sondern ein Einzelhersteller. Sich als schwedisch zu verkaufen bringt da viel weniger. Mit Ericsson ist es ähnlich. H&M wäre da schon am ehesten vergleichbar, aber auch hier ist es einfach ein ganz anderes Konzept, das die Firma hat.
10. August 2009 um 13:14
Ich finde es völlig akzeptabel, dass Ikea weiterhin mit der Schweden-Affinität wirbt und als DAS schwedische Markenzeichen versteht. Ob der Gründer des Konzerns nun in Schweden wohnt oder nicht hat doch eigentlich garnichts mit dem Geschäft zu tun. Die Möbel werden von Schweden designed, es gibt schwedische Küche im Bistro, schwedisches Essen im Schwedenshop und alles hat schwedische Namen und Farben. Im Prinzip ist meiner Meinung nach also noch wirklich mehr als genug Schweden in jedem Ikea. Es würde sich ja auch niemand darüber beschweren, wenn der Chef von McDonalds nicht in den USA leben würde…
22. März 2010 um 18:25
Geht es nicht auch um die Verantwortung für jemanden der es “im Gegensatz zu uns zu etwas Geschaft hat” etwas zurückzugeben? Dass das Geschäft gut läuft weil man gute Psychologische Mittel benutzt hat ist doch okay, zumal jeder selbst sich damit ausseinander zu setzten hat ob er es nötig hat billige Möbel zu kaufen. Es geht vielmehr darum, dass er Geld verdient und trotzdem Steuern minimiert, dass er versucht das Image zu polieren während er über viele Verzweigungen die Stiftung mißbraucht. Kurz – total intransparent ist. Sehr sportlich was er da macht.