Internationale Solidarität

Weihnachten vor vier Jahren: Tsnumai-Katastrophe in Südostasien. Unglaubliche 231.000 Menschen starben dadurch. Da viele Schweden (wie schon bereits erwähnt) im Winter gerne der nordischen Dunkelheit entkommen und in den Süden fliegen, waren unter den Todesopfer auch 543 Schweden.

Das Tsunami-Monument auf den Malediven (Foto: millzero.com, flickr)

Das Tsunami-Monument auf den Malediven (Foto: millzero.com, flickr)

Noch lange Zeit beherrschte dieses Thema die Medien. Auch das Verhalten des schwedischen Kabinetts wurde stark verurteilt, da einzelne Minister das Ausmaß der Katastrophe nicht erkannt und weiter Weihnachten gefeiert haben.

In einem Land, das ansonsten in den letzten Jahrzehnten von größeren Katastrophen weitestgehend verschont geblieben ist, sind die Geschehnisse im weit entfernten Asien beinahe als nationales Unglück wahrgenommen worden.  Nun könnte man meinen, dass dies vor allem Resultat der vielen schwedischen Opfer gewesen ist. Dies spielt sicher eine große Rolle, aber auch sonst beschäftigen sich die schwedischen Medien und die Öffentlichkeit ausgiebig mit den schwerwiegenden Problemen entfernter Staaten. Die Zeitungen berichten in ihren Auslandsrubriken sehr viel von Problemen der Entwicklungsländern. Man kriegt schon fast den Eindruck, dass je weiter das Land entfernt ist, desto länger werden die Artikel.

Natürlich spricht nichts gegen eine Berichterstattung aus Dritte-Welt-Ländern. Die Probleme sind gravierend und sorgen für viel Elend. Das Problem ist der starke Fokus auf diese Art der Berichterstattung und die Haltung, die dahinter steckt. Die Schweden möchte am liebsten die ganze Welt vom Elend befreien. Es gibt sehr viele Organisationen, die sich mit Problemen von Schwellen- und Entwicklungsländern auseinander setzen (gefördert werden diese vom so genannten Forum Syd). Dann gibt es unheimlich viele Schweden, die für ein halbes Jahr oder länger nach Afrika oder andere Krisenregionen gehen und sich dort in sozialen Projekten engagieren. Man ist betroffen, wenn man vom Leid der Bevölkerung im Bürgerkrieg hört und ist gerne bereit zu spenden. Diese Art der Betroffenheit artet aber öfter auch in einer Selbstgefälligkeit aus, die niemanden hilft. Man geht ein halbes Jahr nach Ghana und wäscht sich von seiner  Schuld rein. Hat dann alles getan, um den Menschen in der Dritten-Welt zu helfen. Berichtet auch nicht ohne Stolz in seinem Bekanntenkreis von seinem Engagement. Zuweilen wirkt es so, als ob damit nur der Lebenslauf aufpoliert werden soll. Danach isst man Hirsebrei und trägt bunte Kleidung und sorgt somit für einen Hauch Exotik. Soll ja jeder sehen, dass man außerhalb des Schlips-und Kragen-Territoriums gelebt hat. Der Nutzen für die zuvor besuchten Ländern ist zweifelhaft.

Diese Entwicklung ist sicher nicht auf Schweden beschränkt, auch in Deutschland gibt es Personen, deren Motivation für ein Auslandsengagement fragwürdig ist. In Schweden hat diese Haltung jedoch mehr Tradition und ist auch Resultat der schwedischen Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweden wähnten sich sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch zu Zeiten des Kalten Krieges als “neutral”. Historiker haben allerdings offengelegt, dass die schwedische Regierung durchaus mit Nazideutschland kooperiert hat und nur nach außen hin den Schein der Neutralität wahrte. Sicher spielte auch die Angst davor, wie Dänemark und Norwegen besetzt zu werden, eine wichtige Rolle bei der Kooperation. Nach dem Krieg wollte man sich aus dem Zweikampf der beiden Supermächte Sowjetunion und USA heraushalten. Aus diesem Grund setzten die schwedischen Minister den Fokus ihrer Außenpolitik auf blockfreie Staaten und die Dritte Welt.

Sicher haben schwedische (und andere skandinavische Diplomaten) zur Lösung von Konflikten in der Welt beitragen können. Der Kalte Krieg ist nun aber beinahe 20 Jahre zu Ende und die Welt verändert sich. Die Schweden sind nun Mitglieder in der Europäischen Union. Trotz vieler skeptischer Stimmen wird sich an dieser Tatsache vermutlich so schnell nichts ändern. Allerdings wird von den politischen und sozialen Ereignissen in den Nachbarstaaten sehr wenig berichtet; höchstens aus den anderen skandinavischen Staaten. Das trägt natürlich nicht dazu bei, ein europäisches Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Das größere Problem ist jedoch die mangelnde Aufmerksamkeit für die Probleme im eigenen Land. Ja, es gibt viel Armut in der Welt. Aber auch in Schweden wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. In den letzten Jahrzehnten wurden gravierende Einschnitte im Wohlfahrtsstaat vorgenommen. Auch hier gibt es jetzt höhere Arbeitslosigkeit und soziale Brennpunkte entstehen in den Vororten der Großstädte. Die aktuelle Regierung senkte viele Steuern, gleicht dies jedoch teilweise durch Privatisierungen öffentlicher Einrichtungen wie Krankenhäusern und Verkehrsbetrieben aus. Die Folge sind höhere Kosten und schlechtere Versorgung, vor allem in den sozial schwächeren Gegenden. Aber nur wenige in Schweden haben das Ausmaß dieser Entwicklung begriffen und sind bereit, ihre Energie dafür einzusetzen, diese Tendenz zu stoppen. Dazu gehört ein Netzwerk namens gemensam välfärd (gemeinsame Wohlfahrt). Darin vereint sind die immer noch hoch im Ansehen stehenden Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Attac Schweden und Einzelpersonen. Um eine Massenorganisation handelt es sich jedoch bei weitem noch nicht.

Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Not leidenden Ländern links liegen gelassen werden sollen. Gezieltes Engagemant ist natürlich sinnvoll. Allerdings ist es viel einfacher – und auf lange Sicht wirksamer – für die jeweilige Zivilbevölkerung eines Landes Probleme und Konflikte zu lösen. Die sehr solidarische schwedische Gesellschaft sollte somit auch an der Lösung eigener Missstände arbeiten und sich nicht zu sehr auf die Lösung der vielfältigen Probleme dieser Welt versteifen.

Das Solidaritätshaus auf Södermalm

Das Solidaritätshaus auf Södermalm

Ein Ort der internationalen Solidarität ist das Solidaretshuset auf Södermalm in Stockholm. Seit Anfang der 80er Jahre sammeln sich hier etwa 30 Vereine aus der Umwelt-, Friedens-, Frauen- und Entwicklungshilfebewegung, darunter die Schwedisch-Kubanische Vereinigung, die Palästinagruppe, Afrikagruppen, FIAN, Friends of the Earth, Attac oder das schwedische Tibetkomitee. Daneben gibt es die so genannten Weltbibliothek mit Büchern, Videos, CDs und anderen Medien, die sich mit den Themen Globalisierung und Entwicklung beschäftigen. Wie in allen schwedischen Bibliotheken ist das Ausleihen kostenlos. Außerdem handelt es sich hier um eine besonders gemütliche Bibliothek, die auch Computerkurse und Lesungen veranstaltet.


Ein Kommentar zu “Internationale Solidarität”


  1. [...] seinem Leid erlösen, hat sich allerdings keine Mühe gemacht, vor der eigenen Haustür zu kehren. Schwedische Doppelmoral par excellence. Den politischen Wünschen der Ursprungsbevölkerung wurde erst sehr spät [...]

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