Nordischer Nachbar Island

Da irgendwo im äußersten Nordwesten Europas liegt ein Land, das im Bewusstsein vieler Menschen keine allzu große Rolle spielt. Ausnahme sind vielleicht die vielen pferdebegeisterten Frauen und Zahnärzte, die sich ein Pony für 10.000 Euro aufwärts kaufen. Das Besondere an den possierlichen Tieren ist die Tatsache, dass sie nicht wie die einfachen europäischen Modelle in drei Gangarten betrieben werden, sondern gleich fünf Gänge haben. Und einer davon viel weniger ruckelt als die anderen, das ist dann Wellness auf dem Pferderücken.

Sommer Sonne Strand in Island (Foto: Alf07)

Sommer Sonne Strand in Island (Foto: Alf07)

Aber zurück zum Thema. Island ist gemeint. Musikalisch hat es Stimmungskracher wie Björk und Sigur Ros hervorgebracht. Ein Sommertag mit 23 Grad Celsius ist vermutlich rekordverdächtig als großer Hitzetag. Es gibt nicht viele Menschen, aber viele von ihnen sind gute Handballspieler. Und es gibt eine Menge Vulkane sowie Geysire, in denen es sich angenehm planschen lässt. Aber sonst?

In der politischen Berichterstattung hat das 300.000-Seelen-Land bisher kaum eine Rolle gespielt. Bis der große Crash im Oktober 2008 kam und die Insel an den Rand des Ruins brachte. Seitdem haben mehr und mehr Isländer ihre Liebe zur Europäischen Union entdeckt. Im Juli wurde die Bewerbung für die Aufnahme in die Gemeinschaft eingereicht. Wenn alles gut läuft, können im nächsten Jahr die Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden. Und dann geht es vermutlich ruck zuck. Bei den Kerngebieten der europäischen Gemeinschaft machen die Isländer schon länger mit. Sie gehören zum Europäischen Wirtschaftsraum und somit zum gemeinsamen Binnenmarkt. Außerdem gilt auch hier das Schengen-Abkommen, so dass eine Einreise ohne große Passkontrolle schon heute möglich ist.

Aber natürlich gibt es auch einen Grund dafür, weshalb den Isländer bisher ihre Freiheit wichtiger war als die Mitgliedschaft in der zumindest geographisch weit entfernten Union. Der Grund ist tierischer Art. Durch seine exponierte Lage in Europa zählt ein großes Gebiet rund um Island als isländisches Gewässer. Und da schwimmen Millionen von Fischen, welche Isländer und Europäer gerne auf ihren Tellern liegen haben. Die Fischerei gehört zu den wichtigsten Sektoren in der isländischen Wirtschaft – früher wie heute. Eine EU-Mitgliedschaft ist aber nur möglich, wenn auch spanische und polnische Fischer ihre Netze im Nordatlantik auswerfen dürfen. Das wird noch für lange Verhandlungsnächte sorgen.

Weniger schön ist auch die Tatsache, dass die Isländer Wale fangen, töten und das Fleisch nach Japan exportieren. Während international in den letzten Jahren Einschränkungen des Walfangs beschlossen wurden, fingen die Isländer 2006 wieder mit dem kommerziellen Fang der Meeresriesen an.

... und Klischee-Island (Foto: guillaume.payen)

... und Klischee-Island (Foto: guillaume.payen)

Eine Besonderheit Islands ist die Tatsache, dass die Insel kein Militär besitzt. Es gibt nur etwa 120 Personen für den Küstenschutz. Hier hat sich die USA ganz uneigennützig als Schutzherr angeboten. Begonnen hat die Kooperation während des Zweiten Weltkrieges, nach Islands Unabhängigkeit von Dänemark im Jahr 1944 blieb ein amerikanischer Stützpunkt auf der Insel bestehen. Erst im November 2006 zogen die letzten amerikanischen Soldaten wieder ab. Sollte Island in den nächsten Jahren von wütenden Nachbarn angegriffen werden, würden die Amerikaner sich in einen weiteren Konflikt einmischen. Wie das genau funktionieren soll, gehört zu den Geheimnissen der amerikanischen Sicherheitspolitik. Eine Insel am Rand Europas als Basis nutzen zu können, ist sicher nicht unattraktiv für das Land. Wenn nicht heute, dann vielleicht später, wenn der Kampf um Rohstoffe noch offensiver wird.

Wie sich die Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union auswirken wird, ist eine spannende Frage. Mit den nordischen Nachbarn kooperiert Island bereits relativ eng über den Nordischen Rat. Die Mitglieder des Rates würden innerhalb der Union an Einfluss gewinnen, wenn ein weiteres nordisches Land an den Abstimmungen teilnimmt. Noch eindrucksvoller wäre es sicher, das reiche Norwegen zu integrieren, aber die brauchen noch ein paar Jahre bis zur nächsten Volksabstimmung über eine EU-Mitgliedschaft.


Deine Meinung dazu?