Jahresrückblick der Worte
Am Ende eines Jahres sind die Redaktionen unserer Medien so einfallsreich und erzählen uns alles noch einmal ganz ausführlich, was uns schon vorher dank der Informationsflut auf die Nerven ging: Ja, Michael Jackson ist gestorben, er hat böse Eltern und reizende Kinder… Obamas erstes Regierungsjahr und gleich der Friedensnobelpreis… Leichtathletik-WM in Berlin mit ner ganzen Reihe gedopter Stars… schwedische Ratspräsidentschaft mit Klimagipfel … und dann sind wir ja nur ganz knapp an einer großen Pandemie vorbeigeschrammt und wie die Fliegen gestorben.
Dokumentiert wird alles anhand von Textausschnitten, Videos, Fotos oder aber anhand der Sprache. Jedes Jahr wird in Deutschland von der Gesellschaft für deutsche Sprache aus Wiesbaden das Wort des Jahres auserwählt. Gefühltes Siegerwort war die Schweinegrippe, die vor allem in der zweiten Jahreshälfte die Menschen als Gesprächsstoff nicht mehr loslies. Da jedoch das ganze Jahr in Betracht gezogen wird, machte die Abwrackprämie das Rennen. Sie ist auf jeden Fall ein Musterbeispiel dafür, dass Sprache sich entwickelt. Ein völlig neu geschaffener Begriff wird heute nicht nur in Bezug auf Autos gebraucht, sondern hat sich im Sprachgebrauch festgesetzt und eignet sich hervorragend für satirische Verrisse. Platz 2 der Rangliste beweist ein wenig den elitären Charakter der Wortwahl: kriegsähnlicher Zustand. Ohne Frage eine perverse Umschreibung fürs Töten und Getötetwerden, aber wer nutzt das schon im Alltag? Zukunftspotential sehe ich für “twittern”, was auf dem siebten Platz gelandet ist. Die Flexibilität der deutschen Sprache wird vor allem durch das Wortungetüm “Wachstumsbeschleunigungsgesetz” (Platz 9) verdeutlich. Großartiges Wort! Die Top Ten gibt es auf der Internetseite der Gesellschaft für deutsche Sprache.
Die Schweden haben zwar nicht das Wort des Jahres gekürt, aber es gibt eine Liste von 30 Worten, die entweder ganz neu geschaffen worden sind oder aber derartig inflationär gebraucht wurden, dass sie auf der Liste der 30 Wörter des Jahres 2009 erscheinen. Die hat der schwedische Språkråd heute herausgebracht. Auch hier taucht das weltweite Phänomen Twitter auf: tvittra, twittra oder auch näher am Schwedischen: kvittra (was zwitschern bedeutet). Dazu gesellt sich dann gleich der Följare (Follower bei Twitter). Ein weiteres technisches Wort: Mobilroman. Dies beschreibt ein Roman, der auf dem Handy gelesen werden kann. Ungetestet würde ich das als sehr anstrengend bezeichnen. Was spricht denn gegen das herkömmliche in Schweden jederzeit erschwingliche Taschenbuch?
Voll aus dem Leben scheint die Fischpediküre (fiskpedikyr), bei der man sich Hautreste von Fischen abnagen lässt. Oder aber fröbomba (das Bomben von Samen und Keimen). Dies beschreibt das Pflanzen an öffentlichen Plätzen ohne die Erlaubnis, dieses zu tun. Ganz nach dem schwedischen Standardmotto “Born to be wild”…
Nicht bekannt ist mir bisher das Wort prokotta als ein Gegenteil von Boykott oder boykottieren. Das soll eine Zusammensetzung sein aus pro, also für und boykottieren und beschreiben, wenn jemand etwas fördert oder empfiehlt statt es schlecht zu reden.
Sehr schön klingt auch könskonträr. Dies bezeichnet einen Zustand, bei dem etwas mit einer Frau verbunden wird, was eigentlich typisch für Männer ist und umgekehrt. Wieso das Wort nun gerade für 2009 so aktuell ist, würde mich interessieren. Da gab es scheinbar Diskussionen in Schweden, die ich nicht mitbekommen habe. Vielleicht muss auch da der androgyne Tokio-Hotel-Sänger wieder herhalten für die Feuilletonisten, die Jugendkultur untersuchen.
Wer die komplette Liste ansehen möchte, findet sie beim Språkråd.
Ein besonderer Service für all diejenigen, die meinen, dass jedes Wort auf Englisch besser klingt als die heimische, hier schwedische Sprache. Der Sprachrat gibt nämlich zum Teil recht unterhaltsame Hinweise, mit welchen schwedischen Worten die bösen Anglizismen ausradiert werden könnten. Da kommt dann wieder der Wille derartiger Gremien zu Tage, dass nicht nur die aktuelle Sprache beschrieben wird, sondern auch Vorgaben gemacht werden. Wenn deren Umsetzung mal so einfach wäre…
30. Dezember 2009 um 18:28
Hehe, brainstorming == idémöte, sehr schön.
Muss eine lustige Beschäftigung sein im Sprachrat.
30. Dezember 2009 um 21:12
Vorschlag des Sprachrats kaka für cookie…ich weiß ja nicht?!
31. Dezember 2009 um 11:16
Beim Brainstorming sollte man vielleicht erwähnen, dass das wohlklingende Wort möte ein Treffen umschreibt.
Und Kaka ist das etwas unattraktiv klingende Wort für Kuchen auf Schwedisch. Ich kenne sonst noch småkaka (kleine Kekse) oder aber kex für Kekse, aber das scheinen auch keine akzeptablen Worte zu sein…