Schwedischer Film: Gut gegen Böse
Obwohl Kulturförderung in Schweden meist groß geschrieben wird, ist die Anzahl an Filmen, die auch international für Aufsehen gesorgt haben, in den letzten Jahren relativ gering gewesen . Im letzten Jahr erlangte ein Film jedoch größere Beachtung: Maria Larssons eviga ögonblick (Maria Larssons ewiger Augenblick – der Augenblick dabei eher im wahrsten Sinne des Wortes). Unter dem englischen Titel “Everlasting Moments” war das Werk der schwedische Beitrag für die Oscarverleihung in der Kategorie “Bester ausländischer Film” (schaffte es allerdings nicht unter die fünf besten) und war für einen Golden Globe nominiert. Die verkannten Titel holte sich die Filmcrew dann beim schwedischen Filmpreis “Guldbaggan” im Januar 2009. In allen Kategorien war er nominiert (schwedischer Rekord), fünf Titel sind es schließlich geworden. Im März war Filmstart in den USA, in Deutschland müsste der Film bald auf den Markt kommen.
Die Handlung ist recht schnell erzählt. Der Film beginnt 1907 und spielt im Arbeitermilieu Malmös. Maria und Sigfrid Larsson wohnen in einer engen Hütte, haben wenig Geld und eine zunehmende Zahl Kinder (Maximum ist 7). Die Zeiten sind schlecht, der Mann hat nur tageweise Arbeit und versäuft Teile des Lohns. Bei der Lotterie (typisch schwedisch) gewinnen die beiden eine Kamera. Erst will Maria sie verpfänden, aber sie trifft auf einen netten Fotografen, der sie auf den Geschmack bringt, selbst Bilder zu schießen und dies finanziell unterstützt. Was nun kommt ist ein Wechsel aus ganz besonderen Fotos, die Maria schießt und der Gewalt ihres Mannes, die sie ihm immer wieder vergibt. Er hat was mit ner anderen, sympathisiert mit sozialistischen Ideen, zieht 1914 in den Krieg und zeigt mehr Gefühl gegenüber Pferden als gegenüber seiner Frau. Maria wünscht sich des Öfteren den Tod, fühlt sich zum Fotografen hingezogen, ohne allerdings gegen die 10 Gebote zu verstoßen.
Filmlänge: 130 Minuten. Man fragt sich warum. Es gibt keine richtige Entwicklung in dem Film. Wie so oft im schwedischen Kino gibt es halt die “Guten” und die “Bösen”. Sigfrid (gespielt von Mikael Persbrandt, dem seine Rolle als unwiderstehlicher Draufgänger/Aufreißer sichtlich gefällt) ist eindeutig derjenige, der die Kinozuschauer provozieren soll, wutentbrannt die Popcorntüte auf den Boden zu schleudern. 120 Minuten lang ist er der Böse, der Dumme, Kriminelle. Und dann ganz plötzlich in den letzten 10 Minuten wird er zum Helden stilisiert. Er kauft seiner Familie eine eigene Hütte, richtet seiner Frau einen Dunkelraum ein, baut ein Fuhrunternehmen auf, das so ein Renner wird, dass die Familie nicht länger in Armut leben muss.
Der Regisseur Jan Troell ist 78 Jahre und soll nach Ingmar Bergman zu den bedeutendsten Schweden seiner Zunft gehören. Bei diesem Film hat ihm seine Frau aber scheinbar zu viel ins Ohr geflüstert. Das Drehbuch orientiert sich nämlich an der Lebensgeschichte einer Verwandten von Frau Troell. Genau das ist das Problem. Viele Lektoren in den Verlagen dieser Welt leiden darunter, dass jeder und jede meint, dass ihre Lebensgeschichte auf jeden Fall festgehalten werden muss und für die Menschheit wichtige Erkenntnisse enthält. Es gibt interessante Züge des Filmes, aber die bestehen nicht in der Haupthandlung.
Gelungen ist die Schilderung der damaligen Zeit. Der Beginn des 20. Jahrhundert war für Schweden eine entscheidende Zeit. Wie in anderen europäischen Ländern leidet die Arbeiterklasse unter zu viel Arbeit und miesen Lebensbedingungen. Sigfrids finnischer Freund bringt ihm sozialistische Forderungen nahe, das ist 1907 also kurz nach der “ersten” Revolution in Russland. Die Hafenarbeiten treten in den Streik und müssen mitansehen, wie englische Arbeiter diesem die Wirkungskraft nehmen. Es wird ebenfalls deutlich, dass unter den linken Ideen der Anarchismus in Schweden besonders stark vertreten ist. Das ist auch heute noch so, es gibt beispielsweise auch syndikalistisch orientierte Gewerkschaften.
Ein weiteres skandinavisches Phänomen der Zeit ist die Nykterhetsrörelse (Bewegung gegen Alkoholkonsum). Es wurden Vereine gegründet, um gegen den extremen Alkoholismus in der Gesellschaft anzugehen. Wie der Film gut zeigt mit dem Null-Toleranz-Credo und nicht ganz ohne Einwirkung kirchlicher Moral. Diese Bewegung hat dazu beigetragen, dass das Trinken alkoholischer Getränke in Schweden – und noch viel stärker in Norwegen – bis heute kritischer betrachtet wird.
Der Aufschwung in der Familien Larsson hängt schließlich auch mit der verbesserten schwedischen Wirtschaftslage zusammen. In den 20er und 30ern erstarken die Sozialdemokraten und werden zu DER politischen Kraft der nächsten Jahrzehnte. Der so genannte Dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus wird etabliert. Auch die Situation der Frauen verbessert sich, was im Film zum einen an Marias Weg in die Selbständigkeit demonstriert wird und an der intelligenten Tochter, die den Aufstieg vom Dienstmädchen zur Lehrerin schafft. Der Sohn kann sogar studieren.
Der Film ist somit eine gelungene Schilderung des frühen 20. Jahrhunderts. 30 Minuten weniger hätten sicher nicht geschadet. Die Hauptperson Maria ist nahezu unfehlbar, was nicht zur Spannung beiträgt. Als ihren größten Fehler stellt der Film dar, dass sie sich nicht aufbäumt gegen die Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt. Ständig Mitleid provozieren zu wollen, tut dem Film aber auch nicht gut.
Preise gab es ja trotzdem für den Film und somit auch viele, die anderer Meinung sind. Es gilt wie so oft: Soll jede/r sich ein eigenes Urteil bilden. Trailer und Bilder zum Film gibt es hier.
Ein paar ganz subjektive Einschätzungen schwedischer Filme:
Der junge Regisseur Josef Fares hat mit Kops, Jalla! Jalla! und Zozo sehenswerte Filme gedreht. Der aus dem Libanon stammende Fares widmete sich in Zozo einer eher traurigen Geschichte, die größtenteils im kriegserschütterteten Beirut spielt. Kops und Jalla! Jalla! sind hingegen Komödien, in denen sein Bruder Fares Fares schräge Typen spielt.
Som på himlen – Wie im Himmel lief auch in Deutschland im Kino, ist allerdings eher etwas für Freunde des Kitsches und/oder Chorgesangs.
Populärmusik från Vittula, der erfolgreiche Roman von Mikael Niemi wurde ebenfalls verfilmt, allerdings ist der Film aufgrund seiner Überdrehtheit kein Genuss.
Heartbreak Hotel handelt von einer Freundschaft zwischen einem Stockholmer Partygirl Anfang 40 und einer in der Lebenskrise befindlichen “Langweilerin”. Gute Unterhaltung mit – wie so oft – vorhersehbarer Entwicklung.
Fucking åmål (Raus aus åmål) war ein großer Erfolg in Schweden und handelt von zwei Mädels im Teenage-Alter, die genervt sind von der Kleinstadt und unsicher sind, ob sie Gefühle füreinander haben.
Witzig ist die Weihnachtskomödie “Jultomten är far till alla barnen” (etwa: Der Weihnachtsmann ist Vater aller Kinder). Es geht um ein Weihnachtsfest, zu dem eine Frau ihre Exmänner samt deren Kindern und neue Frauen einlädt.

18. September 2009 um 07:09
Hej!
Der Film “Wie im Himmel” heisst “Så som i himlen” auf Schwedisch.
(Ich fand “Maria Larssons eviga ögonblick” unterhaltsam.)
18. September 2009 um 07:14
Äsch – Besserwisserei und dann selbst keine Ahnung haben… Så som i himmelen heisst der natürlich…
http://sv.wikipedia.org/wiki/S%C3%A5_som_i_himmelen
18. September 2009 um 09:53
Danke für den Hinweis.
Es ist auch nicht so, dass mich der Film gelangweilt hat. Der Regisseur hätte meiner Meinung nach nur noch mehr Randaspekte weglassen und somit den Film kürzer machen können. Irgendwo hab ich gelesen, dass der Film vorher sogar 170 Minuten lang war.