Schwedisches Arbeitsleben
Ankunft im Büro: 9 Uhr.
Fikapause I: 10 Uhr
Mittagessen: Spätestens 12 Uhr, denn die Schweden essen früh zu Mittag, manche schon um 11.15 Uhr
Möte (Arbeitstreffen) I: 13 Uhr
Fika 2: 14 Uhr
Möte 2 (meist inklusive Fika): 15.30 Uhr
Antritt des Heimwegs: 17 Uhr spätestens
Ein vielleicht leicht übertriebener Zeitablauf in schwedischen Büros. Fakt ist: Pausen gibt es genug und man fragt sich ein wenig, wie die Schweden es schaffen, im Durchschnitt so schlank zu sein, bei all den Gelegenheiten sich schwerer schwedischer Kost zu widmen.
Die Schweden sind nicht faul, aber sie lassen sich gerne Zeit. Und vor allem: Sie sprechen gerne alles mit jedem ab, weshalb die Anzahl an Arbeitstreffen extrem hoch ist. Sehr amüsant beschrieben hat dies der Kommunikationsberater Colin Moon in einer kleinen Polemik: Are the Swedes really that normal? .
Im Juli jemanden geschäftlich sprechen zu wollen, ist beinahe aussichtslos. Dann hat sich das ganze Land aufgemacht in die Sommarstuga (Ferienwohnung), wo die Zeit in Seen und Wälder verbracht wird. Zu dieser Zeit sind es Schüler und Studenten, die ihr Taschengeld aufbessern, indem sie zum Teil recht anspruchsvolle Arbeiten erledigen (Zeitungen besetzen ihre Redaktionen im Sommer gerne mit diesen billigen Urlaubsvertretungen).
Im Gegensatz zu den meisten anderen Gesellschaften ist es außerdem absolut nicht verpönt “ausgebrannt” zu sein. Wer sich in seinem Job zu sehr verausgabt hat, wird hier leichter krankgeschrieben, ohne dass Nachbarn und Umfeld sich das Maul zerreißen. Es kommt nicht selten vor, dass ArbeitnehmerInnen für ein komplettes Jahr aussetzen, um mit neuen Elan an die Arbeit zu gehen.
Wie Collin richtig beschreibt, zweifelt man als Nicht-Schweden des Öfteren an der Effektivität der Arbeitstreffen. Kommt man zumindest aus einem dreistündiger Runde wieder heraus und bemerkt, dass zwar viele Worte gefallen und gewechselt wurden, aber diese mit keinem konkreten Arbeitsauftrag oder Konsequenzen verbunden sind, wachsen die Zweifel schnell. Wir Hierarchie gewöhnten Preußen können da zuweilen nur mit dem Kopf schütteln…
Nervtötend auch der Satz: Mötet gick bra. Es gibt kein Treffen, das nicht “bra” war. Dazu müssten vermutlich Spuren körperlicher Gewalt an Kleidung und Körpern der Teilnehmer zu sehen sein (Mötet gick inte riktigt bra). Diese Haltung eindeutig Resultat der schwedischen Bildungspolitik. Jedes noch so schlechte Referat wird erstmal als gut bezeichnet, um dann maximal “konstruktive Kritik” anzubringen. Durchfallen ist nicht möglich, das hat sicher Vor- und Nachteile.
Aber die schwedische Bildungspolitik ist hoch gelobt, muss also auch was dran sein. Gleiches gilt für die Wirtschaft. Die arbeitet auch erfolgreich (wenn man die Größe des Landes bedenkt, ist es erstaunlich, wie viele große Firmen dort angesiedelt sind) trotz oder gerade aufgrund der vielen Gespräche und Ruhezeiten. Das Arbeitsleben in Schweden somit nicht zwangsläufig deutlich besser oder schlechter als in Deutschland. Das variiert sicher von Arbeitgeber zu Arbeitgeber.