Du, Sie und Vaters Vater

Das Schwedische enthält in den Augen (deutscher) Sprachfreunde einige interessante Erscheinungen, die ich immer mal wieder ansprechen möchte. Denn nur über Reflexion anderer Sprachen kann man seine eigene richtig kennenlernen und Vor- und Nachteile herausfiltern. Und unterhaltsam ist dies zuweilen auch…

Der größte Vorteil des Schwedischen ist gar nicht so sehr linguistisch, sondern soziologisch bestimmt: Es wird beinahe durchgängig geduzt. Waren die 68er in Skandinavien zwar nicht ganz so revolutionär wie in weiten Teilen Zentraleuropas, so haben sie doch die ungeheure Neuerung des Duzens mit sich gebracht. Es ist in Schweden möglich, jeden Menschen zu duzen: die Lehrerin, den Polizisten, die Parlamentsabgeordnete und den Opernstar. Ein lästiges “wie spreche ich die Person jetzt an” entfällt somit komplett, was meiner Meinung nach den Alltag erheblich erleichtert und auch eine gute Atmosphäre schafft. Eine Ausnahme stellt maximal der König und seine Familie dar, welche mit Sie oder Eure Majestät angesprochen werden. Aber auch der würde sich vermutlich nicht beleidigt fühlen, wenn man ihn Karl Gustav nennt, handelt es sich bei ihm und seiner Familie doch um dem Volk sehr nahe stehenden Adeligen.

Ein weiterer Vorteil des Schwedischen ist zudem, die Möglichkeit Menschen von 15-35 Jahre näher zu kategorisieren. Wie im Deutschen gibt es Frau und Mann bzw. Mädchen und Junge. Dazwischen gibt es jedoch zusätzlich noch kille für junger Mann und tjej für junge Frau – beides relativ wertungsneutral und in sowohl privatem als auch nicht-privatem Gebrauch zu benutzen.

Witzig auch die Art Verwandtschaftsverhältnisse zu schildern. Eine Oma ist eine mormor oder farmor (also die Mutter der Mutter oder des Vaters). Eine Uroma ist dementsprechend mormors mor. Umgekehrt ist ein barnbarn ein Enkel (Kindeskind). Farbror ist der Bruder des Vaters, also der Onkel. Interessantes Spielchen, wie ich finde, jedoch nicht leicht zu behalten, weil wir diese Denkweise nicht gewohnt sind. Der Vorteil ist ganz klar, dass man beim Wort “Oma” nicht mehr nachfragen muss, um welche Oma genau es sich jetzt handelt.

Aus weiblicher Sicht noch beachtenswert ist die Tatsache, dass so gut wie keine weiblichen Berufs- oder Personenbezeichnungen angewandt werden. Eine Lehrerin wird wie ihr männliches Pendant en lärare genannt. Erst aus dem Kontext ergibt sich der Unterschied. Ähnliches gilt für vän, dem Freund. Es gibt zwar eine Form namens väninna, aber diese wird nur selten genutzt. Hier sehe ich das Deutsche im Vorteil, das ist aber sicher Geschmackssache.

Feministinnen in Schweden stören sich zuweilen daran, dass die schwedischen Nachnamen zu einem Großteil auf den Vornamen eines männlichen Ahnens basieren. Ericsson bedeutet also Erics Sohn und Petersson ist Peters Sohn. Dies ist noch ein Relikt der Wikingerzeit. Um dem entgegen zu treten, ist es möglich sein Kind Johanna Ingas dotter (Tochter) Lundberg zu nennen, wobei der Zusatz Lundberg meines Wissens nach notwendig ist.


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