Schwedische Meisterschaften im Springreiten
Es ist kaum zu übersehen, dass die Schweden im Allgemein finanziell gut gestellt sind. Anders lässt es sich nicht erklären, dass rund um Stockholm etliche Golfplätze aus dem Boden gesprossen sind und dort nicht nur die älteren Herrschaften spielen, sondern Gut Betuchte jeden Alters. Oder in Schweden ist alles anders und Golf spielen ist erschwinglich? Kaum vorstellbar, da neben den möglicherweise variierenden Gebühren für die Mitgliedschaft in einem Golfclub ja immer noch die Schläger, Schuhe und Lacoste-Pullover hinzu kommen. Wäre man gehässig, könnte man fragen, wieso Golf spielen so beliebt ist. Immerhin gilt es größere Strecken zu Fuß zurückzulegen. Dies machen viele Schweden ansonsten nur per Auto, Boot oder Rolltreppe. Wehe, wenn letztere mal defekt ist.
Aber genug der Sticheleien. Selbstredend gibt es auch in jedem anderen Land faule bzw. bequeme Menschen. Golf und Segeln sind allerdings schlichtweg Sportarten, die sich nicht jeder Mensch leisten kann. Ein weiteres kostspieliges Freizeitvergnügen ist Reiten. Während ich zugegebenermaßen Segler und Golfer eher aus der Ferne kenne, sind mir Reiter durchaus vertraut. Da gibt es natürlich unterschiedliche Typen. Die meisten Reiter betreiben ihr Hobby aus Liebe zum Tier. Dann gibt es jedoch noch die 10%, die Pferde (noch immer) eher als Statussymbol sehen. Die für 700.000 Euro ein Pferd bei einer prestigeträchtigen Auktion ersteigern, das sie doch niemals selbst reiten werden. In Deutschland ist es im Reitsport leider oft noch so, dass die Siegchancen steigen, je mehr Geld man im Portemonnaie hat. Da man nicht selbst über die Hindernisse springt, reicht Talent allein meist nicht aus (es sei denn man findet einen Gönner). Das erklärt auch die vielen adeligen Namen in den Ergebnislisten.
Im Gegensatz zum Dressursport gibt es bei den Springreitern noch mehr Chancen, sich “ehrlich” hochzuarbeiten. Das könnte an den höheren Preisgeldern liegen. Dies ist in Deutschland so und dies ließ sich auch bei den am letzten Wochenende in Stockholm stattfindenden schwedischen Meisterschaften im Springreiten erkennen (lange Rede kurzer Sinn…). Vier Tage lang gab es im Reiterstadion nahe des Olympiastadions Spring-Wettbewerbe. Zwischendurch wurden immer mal wieder andere Reitsportarten und -variationen vorgestellt. Die Veranstaltung fand in dieser Form das erste Mal seit längerer Zeit in Stockholm statt. Ziel des Veranstalters ist es, in den nächsten Jahren auch andere Disziplinen (zumindest Dressurreiten und die Vielseitigkeit) zu integrieren. Auf diese Weise soll der Weg geebnet werden zu einer Reit-WM 2018 in Stockholm.
Es gibt sicherlich noch einiges zu verbessern an der Veranstaltung. Größe und Aufmachung erinnerten eher an eine deutsche Veranstaltung auf Bezirksniveau. Es gab relativ wenige Stände mit Reitsportartikeln und sogar das Essensangebot war knapp bemessen. Aufgrund des Dauerregens am Samstag und des daraus resultierenden schlechten Bodens mussten die Veranstalter von der schönen Springanlage ausweichen auf einen relativ kleinen Platz ohne Schmuck und vor allem ohne Sitzgelegenheiten. Auf die Idee, die Bänke von einem Platz zum nächsten zu bringen, kam man erst kurz vor Veranstaltungsende. So mussten sogar die VIPs (die auf keinem Pferdeevent fehlen dürfen) im Stehen zusehen. Glück hatte, wer sich seinen eigenen Klappstuhl mitgebracht hatte.
Beim Finale der schwedischen Meisterschaft traten noch etwa 20 Reiter bzw. vor allem Reiterinnen an. Mindestens 10 Sportler hatten es vorgezogen aufgrund der Bodenverhältnisse nicht zu reiten. Schade war sicherlich, dass die schwedischen Reiter, die auch auf internationalen Turnieren Erfolge einstreichen, gar nicht erst in Stockholm angetreten sind. Zum Beispiel fehlte der Silbermedaillengewinner von Peking 2008 Rolf-Göran Bengtsson. Dementsprechend gab es nur drei Null-Fehlerritte. Da zwei der Reiter ihre Pferde zu langsam durch den Parcous gesteuert haben, stand die Siegerin recht schnell und unspektakulär fest (für alle Nicht-Reiter: Normalerweise gibt es noch ein so genanntes Stechen bei dem es nicht nur auf möglichst wenig Stangenabwürfe ankommt, sondern auch die Zeit). Den Event gewonnen hat Rigmor Arvidsson, vor dem Jüngling und Geheim-Favoriten Douglas Lindelöw.
Für deutsche Augen sehr ungewohnt war übrigens die Anwesenheit des Militärs auf dem Reitplatz. Genauer gesagt, waren die Soldaten und Soldatinnen nicht nur auf dem Platz als Gäste, sondern scheinbar an der Organisation der Veranstaltung beteiligt. Sie betreuten das Erste-Hilfe-Zelt, schleppten mit Treckern den Platz und trugen die Bänke von einem Platz zum nächsten. Bei der Siegerehrung durfte dann noch ein in Blau gekleideter Soldat (vermutlich von der Königlichen Bläsertruppe) die musikalische Untermalung bereiten. Aus deutscher Sicht ist ein Einsatz des Militärs bei einer zivilen Veranstaltung ja eher ungewöhnlich, wenn nicht verboten. Andererseits hat der Reitsport seine Wurzeln im Militär. Die Kleidung ist beispielsweise ähnlich (Helm/Zylinder, Sakko, Stiefel). Außerdem muss vor dem Start vor den Richtern “gegrüßt” werden wie vor einem höher gestellten Soldaten (immerhin nicht mit der Hand an den Kopf). Viele Begriffe aus dem Reitsport entstammen zudem dem französischen Wortschatz, da dies beim Aufkommen des Reitsports anfang des 20. Jahrhunderts gerade als très chic galt. Also doch alles nicht so verwunderlich.

21. Februar 2011 um 21:55
Hi, hätte gerne den ein oder anderen Artikel mal ausgedruckt, aber das Leben ist ja kein Ponyhof