Ohne Fleiß kein Preis – Studieren in Schweden

Das Studiensystem in Schweden ist leicht erklärt. Es setzt sich zusammen aus:

1) Gruppenarbeit

2) Bergen von Lektüre

3) vier Wochen des Semesters richtigen Stress

Ein sozial- oder geisteswissenschaftliches Studium in Schweden unterscheidet sich somit in hohen Maßen von einem deutschen Studium, zumindest war dies zu Zeiten von Diplom und Magister noch so. Heute haben wir uns teilweise angeglichen, eine vollständige Harmonisierung wird aber sicher die nächsten 20 Jahre nicht durchsetzbar sein (sollte jemand diesen Wunsch hegen).

Uppsala Universitet: Schwedens älteste Uni (Foto: Riviera Kid)

Uppsala Universitet: Schwedens älteste Uni (Foto: Riviera Kid, flickr)

Ein krasser Unterschied ist der Aufbau des Semesters. Während wir – je nach Einsatz des Studierenden – ungefähr 10 Kurse wöchentlich besuchen, haben die Schweden jeweils nur einen, maximal zwei Kurse zur gleichen Zeit. Diese Kurse gehen dann allerdings nur sechs Wochen, so dass man im Semester auf vier unterschiedliche Seminare kommt. Da nicht alle Themen erschöpfend in sechs Wochen abgearbeitet werden, gibt es auch Kurse über zwei Zeiteinheiten (Englisch: periods). Der Rest der Woche ist dann allerdings nicht Freizeit. Grundannahme ist das Selbststudium. 200 Seiten pro Woche Lektüre ist in den Geisteswissenschaften Standard. Dazu gibt es kleine Aufgaben abzugeben oder zu erledigen. Und diese sind dann meist in Gruppenarbeit zu leisten – der Allzweckwaffe der schwedischen Pädagogik. Dahinter steckt wohl die Illusion, dass die Gruppenarbeit den Zugang zu den Themen erleichtert und vertieft. Die Kehrseite ist, dass man den seiner Arbeitsgruppe sehr ausgeliefert ist. Man kann Glück oder Pech haben.

Von den sechs Wochen ist jeweils die letzte die intensivste. Hier wird entweder eine Klausur geschrieben oder die Ausarbeitung einer Hausarbeit verlangt. Präsentationen und Referate werden in fast jeder vorhergehenden Stunde gehalten. Es gibt bei den Kursen drei verschiedene Niveaus: A, B, C, wobei letzteres die schwierigste Kategorie und primär für Masterstudierende vorgesehen ist.

Für deutsche Studierende sehr ungewöhnlich ist der intensive Kontakt zum Lehrenden. Wie alle wird er in Schweden geduzt, welche Titel er hat, würde sich vermutlich nur nach intensiver Recherche herausfinden lassen (ein typisch deutsches Phänomen, dass man so auf Titeln fixiert ist). Die Kurse sind extrem klein. Bei einer Größe von 16 Studierenden denkt der Dozent schon über eine Zweiteilung des Kurses nach. Verstecken in den hinteren Bänken ist somit nicht möglich. Es herrscht außerdem Anwesenheitspflicht. Sollte man eine Unterrichtseinheit verpassen, muss ein Aufsatz oder ähnliches abgegeben werden.

Das Gros der Veranstaltungen in Schweden ist noch auf Schwedisch, aber der Anteil englischsprachiger Seminare nimmt zu. Als Austauschstudent kann man an den schwedischen Veranstaltungen nur  nach Rücksprache mit dem Dozenten teilnehmen. Der Nachteil ist, dass man in den englischen Kursen zumeist ausschließlich  mit internationalen Studenten und Austauschstudenten sitzt. Die Schweden sprechen zwar sehr gut englisch, würden dies allerdings nie öffentlich behaupten und sind zudem in der Grammatik nicht so stark (was ja in Deutschland leider immer noch als Kern des Fremdsprachenunterrichts angesehen wird).

Die Notengebung ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Es gab eigentlich nur drei verschiedene Noten: underkänd (nicht bestanden), godkänd und väl godkänd (besonders gut). Hier gleicht man sich allerdings auch mehr und mehr dem europäischen Standard an, der ein eher sechsskaliges Notensystem vorsieht. Ein “A” ist in schweden “Sehr gut” und dann geht es bergab. Sehr nervig ist nach Referaten und ähnlichem, dass der Dozent einem lang und breit positive Aspeckte seines Vortrags aufzählt und dann nur ganz vorsichtig andeutet, wenn eine bestimmte Sache schlecht war. Auch wenn das ganze Referat nicht viel hergegeben hat.

Generell lehrt das schwedische Studiensystem nicht unbedingt Thesen und Sachverhalten in Frage zu stellen, sondern es geht darum, Wissen anzuhäufen und auswendig zu lernen. In diesem Punkt sehe ich das (alte) deutsche System klar im Vorteil. Sinnvoll erschein mir allerdings, dass die schwedischen Unis nicht nach jedem Semester Pause machen, sondern es nur im Sommer lange Semesterferien gibt. Das Herbstsemester geht bis Mitte Januar und dann geht es fast nahtlos weiter mit dem Frühlingssemester.

Alte traditionsreiche Unis finden sich in Uppsala (entstand 1477) und Lund (1666). Angesehen sind außerdem die Hochschulen in Umeå, Linköping und natürlich in Stockholm und Göteburg. Laut Wikipedia Schweden waren 2008 vier schwedische Universitäten unter den besten Unis der Welt: das Karolinska Institutet (v.a. Medizin, Platz 51) Uppsala  (71), Stockholm (86) und Lund auf Platz 97. Eigentlich erstaunlich, dass die Unis in Relation zum Wohlstandsniveau in Schweden noch relativ weit hinten liegen. Das mag damit in Zusammenhang stehen, dass die Unis hier staatlich finanziert werden und die Wirtschaft noch nicht allzu stark ihre Hände im Spiel hat. Das Studium ist übrigens kostenlos und kann durch eine elternunabhängige Bafög-Förderung finanziert werden.


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