Schwedische Einkaufsläden
Der Paradeschwede fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln (oder Elektroauto) zum genossenschaftlichen Coop/Konsum-Supermarkt, kauft alle Bioprodukte und fair gehandelten Waren, die ihm das Sortiment bietet, geht noch kurz zum Konditori und ersteht eine winzige Kalorienbombe für die Familie, einen edlen Rotwein fürs Dinner gibt es im Systembolaget, dann fährt er vollbepackt wieder nach Hause, um die 19.30 Uhr Nachrichten nicht zu verpassen.
Schöne Story, aber weit weg von der Realität.
Punkt 1): Ein Schwede ist nichts ohne sein Auto. Groß muss es sein, damit beim Einkaufen auch viel reingeht. Das Elektroauto gilt in Schweden als umweltfreundliche Alternative, die Meinung wird allerdings nicht von allen Umweltfreunden geteilt.
Punkt 2): Die Hochzeiten des Konsums sind vorbei. Auch die Schweden kaufen gerne billig, also bei der schwedischen Supermarktkette Willy:s oder beim sich stark ausbreitenden Lidl-Markt. Konsum und ICA haben das Nachsehen, sind allerdings oft auch so klein, dass man nicht alles findet und so eng, dass das Einkaufen kein Vergnügen ist. Bei Neubauten setzen deshalb jetzt auch ICA und Co. auf sehr große Gebäude und Auswahl.
Punkt 3): Biowaren in Schweden zu finden ist äußerst schwierig. Sich an das Klischee des umweltfreundlichen Schwedens erinnernd, ist es höchst erstaunlich, aber es gibt so gut wie keine Bioläden. Nicht mal in den Großstädten. Die Supermärkte beginnen sehr langsam, auch ökologisch angebaute Waren anzubieten. Biogerichte in Restaurants sind da fast einfacher zu finden. Faire Produkte gibt es wie so oft eher in kirchlichen Einrichtungen oder bei Lidl.
Punkt 4) Wohl den meisten Schwedeninteressierten ist bekannt, dass die Zahl der Bäcker in Schweden verschwindend gering ist. Wenn dann gibt es Konditoreien. Beim Bäcker ist ein normales 500g-Brot sonst unter 5,50 Euro nicht zu haben. Die Schweden mögen es gerne weich, außerdem gibt es gewöhnungsbedürftig viel mit Sirup gesüßtes Brot.
Punkt 5) Noch schlechter ist die Lage bei Schlachtern/Metzgereien. Kenne ich maximal aus Supermärkten, dann aber meist auch eher kleiner. Oder in den Feinkostabteilungen von Kaufhäusern. Wenn man im Supermarkt kauft, sollte man sich zunächst angewöhnen, auf jeder Packung das Haltbarkeitsdatum zu kontrollieren. Es kommt häufig vor, dass Produkte bereits abgelaufen sind oder kurz davor stehen.
Punkt 6) In Schweden gibt es schon seit 1984 Pfand auf Getränkebehälter. Trotzdem gibt es viel mehr Dosen als bei uns. Das Lättöl (Bier mit maximal 3,5%) im Supermarkt gibt es nämlich fast nur aus Dosen. Auch das als Cider titulierte weinhaltige Getränk, das Jugendliche trotz grenzwertigem Geschmack literweise trinken, wird meist in Dosen verkauft.
Punkt 7) Schwedische Öffnungszeiten. Eigentlich ist Schweden ein arbeitnehmerfreundliches Land. Die Einzelhandelsverkäufer wurde bei dieser Einstufung allerdings irgendwie vergessen. Supermärkte haben an sieben Tagen die Woche auf. Man kann abends bis 21 Uhr oder länger einkaufen. Natürlich auch am Sonntag. Und an Feiertagen sind nur wenige Stunden geschlossen. Heilig Abend vielleicht von 16-20 Uhr, der erste Weihnachtstag ist dann schon wieder ein ganz normaler Arbeitstag (auch sehr beliebt fürs Shoppen, da alle Bekleidungsläden offen haben).
Positives gibt es natürlich auch. Zigaretten und Snus wird z.B. nur an den Supermarktskassen oder in speziellen Tabaksläden verkauft. Macht es dem 12jährigen etwas schwieriger an die Fluppen zu kommen. Kinder(wagen)freundlicher sind die meisten Läden ebenfalls. Dann gibt es den großen Spaß bei Marabouriegeln o.ä., dass man weniger zahlt, wenn man gleich drei Süßigkeiten kauft. Außerdem stehen in fast jedem Supermarkt die Godis-Container mit Weingummi, Lakritz usw. zum selbst zusammenstellen. Da die Schweden große Fans der kalten Erfrischung sind, gibt es auch eine große Auswahl von Eissorten.
Sehr zu empfehlen ist das Trinken von schwedischer Milch. Die schmeckt, warum auch immer, wesentlich besser als in Deutschland. Kostet wie alle Milchprodukte zwar auch einiges mehr als bei uns, für gute Qualität kann man das aber gerne hinnehmen. Leider scheinen die Preise noch nicht hoch genug zu sein, denn viele schwedische Milchbauern kämpfen ums Überleben. Europäische Milchseen versauern die Preise. Eine nationale Quotenregelung für einzelne Betriebe oder die Verringerung der europäischen Milchquoten ist von der Regierung Reinfeldt nicht gewünscht (Es wird noch ca. 10-15% mehr Milch europaweit subventioniert produziert als benötigt wird.)
Sehr schwierig zu kaufen ist vernünftiger Saft. Der schmeckt oft wie Caprisonne oder Hubba-Bubba in flüssig. Dabei gibt es den eigentlich Fruchtsirup noch in 2,5-Liter Kanistern extra zu kaufen. Und sehr skuril: Bei Lidl gibt es Flaschen in Flachmanngröße mit einer Essenz, die den Geschmack von bestimmten Alkoholsorten haben soll. Darf ja keinen Alkohol enthalten, wenn man es im Supermarkt kaufen kann. Vermutlich wird damit der selbstgebrannte Schnaps geschmacklich optimiert.
Kundenkarten gibt es natürlich auch in Schweden, vermutlich noch viel mehr als bei uns. Allein als Student an der Uni bekommt man ca. sechs Chipkarten und muss sich zehn Mal irgendwo registrieren. Bezahlt wird auch viel öfter per Bank- oder Kreditkarte. Schließlich ist es gefährlich, Bargeld im Wert eines Supermarkteinkaufs bei sich zu haben.
Lange hat Schweden mit seinen nationalen Supermarkt- oder Kioskketten (Pressbyrån) der Gleichmacherei getrotzt. Seit ein paar Jahren nehmen aber leider die großen internationalen Ketten wie Lidl, Seven Eleven und McDonalds drastisch zu (dabei gibt es mit Maxburger eine zu empfehlende schwedische Burgerkette). Tante-Emma-Läden sind längst passé, aber es wäre schade, wenn auch die Coop-, ICA- und Willy:s-Läden nicht überleben würden.


3. September 2009 um 11:28
Hej!
Mal wieder ein schöner, lesenswerter Artikel! In Stockholm ist die Einkaufssituation glücklicherweise etwas gelassener. Zumindest in den coop-Läden, habe ich den Eindruck, bekommt man eine ganze Reihe ökologisch angebauter Produkte. Wohingegen das Angebot von fairgehandelten Sachen desolat ist, finde ich.
Ich dachte bis vor kurzem ich würde mit Nordlands Guld 2,8% Lättöl kaufen, stimmt aber wohl nicht, sondern das ist schon folköl (http://sv.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4tt%C3%B6l bzw. http://sv.wikipedia.org/wiki/Folk%C3%B6l).
Was mir bei der Milch nicht so gut gefällt ist, dass der Standard Mellanmjölk ist und die für mich normale Milch nur 3,0% Fett enthält – naja und das man fast nur Arla findet…
War/ist Pressbyrån eine irgendwie staatliche Kette?
Ohne wirklich Ahnung von Burgern zu haben, würde ich auch sofort jedem Max-Fastfood empfehlen.
Macht Spaß, Dein blog zu lesen!
3. September 2009 um 16:35
Freut mich zu hören, dass der Blog auf Interesse stößt.
Hatte die Fettabstufungen bei Milch ehrlich gesagt schon vergessen. Finde allerdings 0,5% extrem absurd. Kommt ja getrübtem Wasser nahe.
Ob die Pressbyrånläden staatlich waren, ist ne gute Frage. Es gibt witzigerweise ein Museum für die Kioskkette, in dem man das rausfinden kann. In Stockholm Strandbergsgatan 61.
Auf der Internetseite der Kette kann man nicht so recht rauslesen, wie die Besitzverhältnisse früher waren. Allerdings lässt die durchaus interessante Firmengeschichte darauf schließen, dass es staatlich war und dieser schwedische Blogger sagt das auch: http://www.usablogg.org/2009/08/18/emigrantsyndromet-usa-svenskar-usa-karlek-och-sverigehat/?cid=360187.
1899 beauftragte die schwedische Eisenbahn, dass in den Telegrammstationen auch Zeitschriften verkauft werden sollen, schon 1906 nannte sich das Pressbyrån. In den 30er Jahren besaß das Pressbyran eine Art Zeitungsmonopol, da sie mit dem Zeitungszug aus Stockholm das ganze Land mit Zeitungen versorgten, um Druckkosten zu sparen.
Heute gehören die Franchisefilialen* zur norwegischen Reitangruppen AS. Zur Freude des Kartellamts (scheinbar hat Schweden keines) gehört 7 Eleven ebenfalls zu dieser Gruppe. Vielleicht finden sich in dem Museum auch die im Internet ausgesparten Jahrzehnte ab 1960…
*Franchising bedeutet, dass eine Firma Markenrechte, Produkte und ein Verkaufskonzept einem einzelnen Betreiber gegen Gebühr zur Verfügung stellt. Der ist dann verantwortlich für seine eigene Filiale. Funktioniert in Deutschland u.a. bei McDonalds so.
4. September 2009 um 19:09
Hej, in Göteborg gibt es einen sehr guten bioladen http://www.ekostore.se/
hälsn
15. März 2010 um 23:28
[...] Ein wichtiger Teil des öffentlichen Lebens: Supermärkte. Sollte man nie in zu dünner Kleidung betreten, da sonst die Gefahr von Frostbeulen besteht. Die [...]