Willy Brandt in Stockholm
In der dunkelsten Phase des 20. Jahrhunderts fand ein junger sozialistischer Publizist Unterschlupf in Norwegen und Schweden. 26 Jahre nach der Emigration in Richtung Skandinavien wurde Herbert Frahm deutscher Bundeskanzler, der nicht nur durch seinen berühmten Kniefall in Warschau Geschichte schrieb. In Hammarbyhöjden, im Südteil Stockholms, lebte Herbert Frahm von Sommer 1940 bis zum Ende des Krieges. Herbert Frahm trug u.a. den Decknamen Willy Brandt, den er ab 1947 als seinen richtigen Namen nutzte.
Brandt (geboren 1913) wuchs als uneheliches Kind der Verkäuferin Martha Frahm bei ihr und dem Stiefgroßvater in Lübeck auf. Dabei kam er früh mit der Politik in Kontakt. 1930 trat er der SPD bei, von der er allerdings schon ein Jahr später in die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) wechselte. 1933 wurde die Partei verboten und Brandt damit beauftragt, aus Oslo eine Zelle der Untergrundsorganisation zu leiten. Offiziell studierte er Geschichte, war jedoch hauptsächlich mit der Politik und seiner Tätigkeit als Journalist beschäftigt. Diese ermöglichte es ihm, 1936 als “Austauschstudent” nach Deutschland zurückzukehren und von den Verhältnissen dort zu berichten. In dieser Zeit arbeitete er unter dem Decknamen Gunnar Gaasland.
Während der deutschen Besetzung Norwegens 1940 gelangte er kurze Zeit in Gefangenschaft der Wehrmacht, wurde in seiner norwegischen Uniform allerdings nicht enttarnt. Ihm gelang die Flucht nach Stockholm, wo er mit norwegischer Staatsbürgerschaft bis 1945 lebte. Hier gründete er gemeinsam mit zwei schwedischen Kollegen ein schwedisch-norwegisches Pressebüro. Norwegisch sprach er fließend, Schwedisch kann da kein großes Problem gewesen sein.
Politisch war er weiterhin engagiert. Eine seiner Aufgaben war es, die SAP-Exilanten davon zu überzeugen, mit der SPD gemeinsam zu arbeiten. Außerdem setzte er sich für verfolgte SPD-Politiker ein. Nach Aussagen eines ehemaligen KGB-Mitarbeiters traf sich Brandt in Stockholm auch wiederholt mit dem russischen Geheimdienst der Ära Stalin und hat dabei nachrichtendienstlich interessante Auskünfte gegeben (Artikel des Focus). Der schwedische Geheimdienst SÄPO soll Brandt als Ostblock-Spion geführt und beschattet haben. 1941 wurde er sogar im Verdacht der Weitergabe militärischer Informationen für einige Tage in Haft genommen. Ganz wohl war den Schweden mit ihrem neuen Einwohner wohl nicht.
1945 kehrte er zunächst als Korrespondent für skandinavische Zeitungen nach Deutschland zurück und berichtete von den Nürnberger Prozessen. Er geriet in Kontakt mit Lübecker Politikern, die ihm vorschlugen, Bürgermeister seiner Heimatstadt zu werden. Brandt entschied sich jedoch, das Angebot der norwegischen Regierung anzunehmen und in Berlin als Presseattaché des Landes zu arbeiten.
Mit diesem Schritt endete seine Exilantenzeit. 1948 nahm er wieder die deutsche Staatsbürgerschaft an und schon 1949 saß er im Bundestag, 1950 parallel im Berliner Abgeordnetenhaus. Sieben Jahre später war er Regierender Bürgermeister von Berlin. Die weitere Karriere ist vermutlich bekannt.
An dem damaligen Wohnhaus Willy Brandts in Hammarbyhöjden ist vor einigen Jahren ein Erinnerungsschild angebracht worden. Zudem gibt es den Willy Brandts Park mit Statue im selben Viertel. 2007 wurde die Skulptur des deutschen Künstlers Rainer Fetting präsentiert. Vorbild dafür war eine größere Figur, die in der Berliner SPD-Zentrale zu besichtigen ist.
